Vom Himmel geschickt

Sister Act-Hauptdarstellerin Zodwa Selele im Porträt

sisteract

Mitreißend: Zodwa Selele (vorne) begeistert in der Hauptrolle von Sister Act mit dem Ensemble die Zuschauer im Stage Metronom Theater Oberhausen. Foto: Stage Entertainment

Freude. Zodwa Selele will einfach nur Freude schenken. Die Hauptdarstellerin im Musical Sister Act singt, tanzt und spielt nicht nur aus Leidenschaft für die Bühnenkunst. Wenn Sie abends die Bühne des Stage Metronom Theaters in Oberhausen betritt und mit ihrer Paraderolle Deloris van Cartier verschmilzt, dann will sie ihr Publikum begeistern, mitreißen und verwandeln. Wenigstens für einen Abend sollen alle den Alltag vergessen. Lachen, mitfiebern, strahlen. Und am liebsten sollen sie mitsingen und mittanzen wollen. Wenn der Funke so richtig überspringt zwischen Zodwa Selele und dem Publikum, aber auch zwischen ihr, dem Ensemble und dem Orchester, dann entfaltet sich der ganze Zauber des Theaters. Und wenn es so eine richtig magische Nacht ist, dann wirkt dieser Zauber weit über den Bühnenrand und den Abend hinaus.
Das liegt nicht allein an Sister Act, auch wenn das Stück dies geradezu mit sich bringt. Denn hier geht es um Verwandlungen: aus einer oberflächlichen Nachtclubsängerin, die als Mordzeugin vor ihrem Gangsterfreund fliehen muss und im Klos­ter versteckt wird, wird eine engagierte „
Mitschwester“ und tiefgründige, reife Frau. Aus einer Schar mit Strenge disziplinierter, überwiegend müder und schüchterner Nonnen werden selbstbewusste Ordensfrauen. Der schaurige Nonnenchor wird zum fetzigen Gospelchor, der die schon lange leere Kirche wieder füllt und es im Glitzerhabit sogar zu einem Auftritt vor dem Papst bringt. Und aus einer spöttischen Highschool-Bekanntschaft wird echte Liebe. Ein unsichtbarer Mitspieler bringt all das in Bewegung: „Gott steht mit auf der Bühne“, sagt Zodwa Selele. Gott lässt die Herzen schmelzen, beflügelt den Geist und verströmt seine ansteckende Liebe. Und das nicht nur im Bühnestück.

Wiedergeborene Christin

Dass Zodwa Selele Deloris so perfekt verkörpert, hat auch viel mit dem Leben und Glauben der 35-jährigen Künstlerin zu tun. Seit ihrem 16. Lebensjahr ist sie wiedergeborene Christin – das sind Christen, die sich in einem bewussten Akt für ein Leben mit Gott und Christus entscheiden und sich noch einmal neu taufen lassen. Der Weg dahin führte für die junge Zodwa durch unvorstellbare Trauer, durch Tränen, Wut, Hadern, Fragen ohne Antwort. Sie war 14, als ihr 13-jähriger bester Freund starb. Und, völlig unfassbar: als sie 18 ist, passiert es wieder – ihr 16-jähriger Freund stirbt.
„Ich war damals schwer zu ertragen“, erzählt sie. „Man konnte mir nichts recht machen.“ In intensiven Gesprächen, mit viel Liebe und Geduld begleitete eine Tante die junge Frau durch diese Zeit. „Sie ist einer meiner Engel“, sagt Zodwa Selele heute.  Der Glaube und das Gebet gehören für die in Deutschland geborene Südafrikanerin längst wieder ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. „Ich muss darüber nicht nachdenken“, kommentiert sie. „Das ist für mich einfach normal. Wie atmen.“
Bevor die temperamentvolle Künstlerin die Bühne betritt, sucht sie sich ihre Momente der Stille. Dann nimmt sie ihre kleine grüne Bibel in die Hand, liest ihre Lieblingspsalmen 27 oder 91 ganz bewusst, auch wenn sie sie auswendig kann. Dabei findet sie die nötige Konzentration. Und spürt hier auch ihre Wurzeln.
Doch sie nimmt auch ihre Tagesform und das, was sie bewegt, mit auf die Bühne. Wenn sie für ein paar Stunden Deloris ist, dann ist all das das unsichtbare Fundament, das ihr Spiel trägt. Es ist das alte Geheimnis echter Stars, der Leitsterne, an denen Menschen sich orientieren, aufrichten, erfreuen: Die bescheidene Künstlerin verschwindet hinter der Rolle – und strahlt doch durch sie hindurch.
Für Zodwa Selele heißt das auch: die Liebe teilen, um die es in Sister Act und im Leben geht. „Was ich mir wünsche, ist, dass ich mindestens eine Person nachhaltig berühren kann.“ Dass ihr das gelingt, verraten Zuschauerreaktionen. So hat ihr eine Frau geschrieben, dass sie dank Zodwa Selele und Sister Act eine schwere Zeit durchgestanden und neue Hoffnung geschöpft hat.

Gottes Geschenk

Zodwa Selele will nicht missionieren – aber sie will alle mitreißen und dass es allen gutgeht. Auch dem Ensemble. Und so strahlt sie schon während der Proben das aus, was man dann auf der Bühne erleben kann: Herzlichkeit, Offenheit, Achtung und Zugewandtheit. Und bedingungslose Begeis­terung. „Unendlich dankbar“ ist Zodwa Selele, dass ich das alles so leben und erleben darf“, wie sie aus vollem Herzen sagt. „Für mich ist das schon ein gift of God“, wechselt sie kurz ins Englische. Ein Gottesgeschenk also – und das will sie teilen mit den Menschen vor und auf der Bühne.
Sister Act ist für sie ein ganz besonderes Stück, auch wenn sie noch einige Traumrollen hat, die sie auf der Bühne oder im Film spielen möchte. Aber das Musical ist eben nicht nur Unterhaltung – und das macht Sister Act einmalig. „Es macht mit uns allen etwas. Und regt zum Nachdenken an“, meint sie. Wenn es nach ihr geht, dann regt das Werk auch dazu an, sich über den eigenen Glauben und das eigene Leben Gedanken zu machen. Nicht in Gedankenschwere, sondern in Leichtigkeit. Schließlich hat die Frohe Botschaft ursprünglich mit Freude zu tun. In Zodwa Seleles perfekter Welt wäre die Kirche deshalb eine Kirche, die den Glauben zelebriert – „in jeder Form, mit Gesang und Tanz, mit der kompletten Familie“. Eine Kirche mit viel mehr Liebe und Toleranz.
Im Stück erkennt das am Ende auch die gstrenge Oberin und schließt Deloris in ihre Arme und ihr Herz. Wie heißt es da so schön? „Vielleicht lernen Sie irgendwann, dass das Gott ist“ – der alles bewirkt, so die Oberin. – „Vielleicht lernen Sie irgendwann, dass das menschlich ist“, so Deloris. Beider Fazit: „Vielleicht lernen WIR irgendwann, dass das dasselbe ist.“ Denn Gott und Mensch sind eins.
Hildegard Mathies

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