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Ein besonderer Brief

Brief

Ein handgeschriebener Brief ist etwas ganz Persönliches. Er zeigt, dass der Verfasser Interesse am Empfänger hat. Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Über Briefe im allgemeinen und den 1. Korintherbrief im besonderen

Meinen ersten Brief habe ich als Schüler meinem Vater geschrieben. Er war damals in der Eifel zur Kur. Ein Telefon gab es bei uns zu Hause noch nicht und der Kontakt mit der Klinik war schwierig.
Da ich mich für ein Geschenk zu meinem Geburtstag bedanken wollte, kam eine einfache Postkarte nicht in Frage. Es musste ein Brief sein. Seitdem sind viele dazu gekommen. Dankesbriefe und Einladungen, Geschäftsbriefe, Protokolle, Trauerbriefe, Glückwünsche, handgeschriebenen Briefe an Freunde und Freundinnen, Serienbriefe mit Adress- und Anredefeldern aus der Textverarbeitung des Computers. Eine Welt ohne Handy, E-Mail und Smartphone könnte ich mir vorstellen; eine Welt ohne Briefe nicht, denn ein Brief ist etwas ganz Besonderes.Für einen Brief braucht man Zeit, denn man muss sich in die Situation des Empfängers hineindenken und einfühlen. Das gelingt nicht immer. Aber wie froh sind wir, wenn wir selbst einen Brief er-halten, ihn öffnen und dann erstaunt und ganz erfreut feststellen, wie genau der Absender uns kennt und wie sehr er den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

Hineindenken und einfühlen
Manchmal ärgern wir uns auch, wenn wir einen Brief lesen und uns ungerecht behandelt oder unverstanden fühlen. Wie dem auch sei: ein Brief zeigt, dass der Absender ein Interesse an uns hat. Ein Brief löst Emotionen aus, regt zum Nachdenken an und bewirkt manchen Handlungsimpuls. Ein besonderer Brief begegnet uns an den ersten Sonntagen im Lesejahr A. Geschrieben hat ihn der Apostel Paulus. Heute bezeich-nen wir ihn als den 1. Korintherbrief. Nach einem prägnanten Eingangsgruß, in dem Paulus seine Adressaten als „Geheiligte in Christus Jesus“ (1,1) anredet, kommt er schnell zur Sache. Er bemängelt, dass es Spaltungen in der Gemeinde gibt und fragt: „Ist denn Christus zerteilt?” (1,13).
Wir stoßen also auf ein Grundproblem, das die menschliche Gemeinschaft „Kirche“ von Anfang an begleitet. Interessengruppen grenzen sich von einander ab und führen miteinander einen Konkurrenzkampf, der lähmt und die Gemeinde handlungsunfähig macht. Mehr noch: die zerteilte Gemeinde wird unfähig, den einen Christus darzustellen. Das aber ist ein theologisches Desaster.
Weil Paulus diese große Gefahr erkannt hat, wird er nicht müde, die Gläubigen in Korinth zum gemeinsamen Handeln aufzurufen. Er verweist darauf, dass es um Christus gehen muss. „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten, Gottes Kraft und Gottes Weisheit (2,14).

Paulus ist kein Einheitsfanatiker
Trotzdem ist Paulus kein Einheitsfanatiker. Im Bild vom Leib und den verschienen Gliedern, in der Rede von den verschiedenen Gnadengaben und dem einen Geist (Kap. 12) gelingt ihm der Ausgleich zwischen eigenen Fähigkeiten, Sehnsucht nach Heimat durch die Zugehörigkeit zu einer kleineren Gruppe und der Verantwortung, als Christ und Christin Zeugnis für den Glauben zu geben. Oder – um mit Paulus zu sprechen – das Evangelium zu verkünden.
Übersetzen wir diese Anforderung ruhig einmal in unsere Zeit, in der wir oft hören und sagen: Ich gehöre zu St. Agatha, ich zu St. Korbinian, ich engagiere mich nur in St. Ludwig. Was soll ich in St. Vitus? Nach St. Agnes fährt überhaupt kein Bus!
Ich bin gespannt, was Paulus uns schreiben würde…
Einen guten Sonntag wünscht
Ihr Dr. Jürgen Cleve

Dr. Jürgen Cleve ist Stadtdechant von Essen und Pfarrer in St. Dionysius, Essen-Borbeck