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Etwas wagen

Von blauen Flecken, einer verbeulten Kirche und Neuanfängen
Fuhrmann-Zeichnung
Von Markus Fuhrmann
Blaue Flecken bleiben nicht aus. Das musste ich bei meinen beiden Söhnen feststellen, als sie anfingen zu laufen. Ganz gleich, wie meine Frau und ich auch aufpassten: Wir konnten nicht jede Beule verhindern! Natürlich haben wir alles getan, was möglich ist, um Unfälle zu verhüten, aber an eine Leine binden und anschallen kann man Kinder nicht. Das wäre auch gar nicht gut – schließlich muss jeder Mensch selbst laufen lernen. Die Muskeln müssen sich aufbauen, durch dauerndes Wiederholen lernen wir, das Gleichgewicht zu halten und auf unseren eigenen Füßen zu stehen. Mit der Zeit werden wir immer mutiger und wagen uns immer weiter, zuerst noch an der Hand der Eltern, dann die ersten eigenen Schritte – und plötzlich laufen wir ohne fremde Hilfe.

Was für das Laufen mit den Füßen gilt, das gilt auch für den Glauben. Auch im Bereich der Religion  werden wir zuerst an die Hand genommen, von den Eltern und Großeltern, Religionslehrern und anderen Menschen, die uns in die Welt des Glaubens einführen und ihn vorleben. Aber irgendwann im Leben kommen Momente, wo wir auf eigenen Füßen stehen wollen. Wo wir uns vorwagen in Bereiche, die tiefgehende Fragen berühren: Hört Gott mich wirklich, wenn ich bete? Wieso erlebe gerade ich diese schwierige Situation? Wozu lebe ich, in welche Richtung soll ich gehen? Wie geht es weiter? Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Da kann man dann  mal den festen Boden unter den Füßen verlieren, hinfallen und sich einen blauen Fleck holen.

Laufen neu lernen
Was für den Einzelnen gilt, das hat auch für uns als Kirche, als „Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit“ eine Bedeutung. Wohin gehen wir als Gemeinde vor Ort? Wie leben wir in Zukunft als Getaufte hier im Bistum Essen unseren Glauben? Vielen ist klar, dass wir nicht einfach so weiter machen können wie bisher.

Wenn ich mir unsere Kirche in diesen Tagen so anschaue, habe ich den Eindruck, als würden wir als Glaubensgemeinschaft in einem gewissen Sinne das Laufen neu lernen. Es ist kein geringerer als Papst Franziskus, der uns mit dem Beispiel seines eigenen Lebens zeigt, wie das gehen kann. Er ermutigt uns, dass wir als Christen keine Angst haben müssen, sondern an die Grenzen der Gesellschaft gehen sollen: „Mir ist eine ,verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ (Evangelii gaudium 49).

Ich habe eine solche Kirche gesehen! Ja, wirklich: Eine kranke Kirche, die geschlossen wurde, weil sie nur um sich kreis­te. Und die wieder gesund wurde – trotz Beulen. Kommen Sie mit auf eine Reise nach Berlin. Nächster Ausstieg: Berlin-Moabit, S-Bahnhof Beusselstraße! Es ist Freitagabend, der 6. September 2013. Ich bin eingeladen, den Abend und die Nacht in der „Refo“ zu verbringen, wie die Leute hier sagen. „Refo“ heißt hier die Kirche im Kiez, die evangelische Reformationskirche.

Die Kirche liegt an einer Straßenecke, Autos rauschen über die Kreuzung und aus dem Haus nebenan dringt laute Musik, fremde Gerüche dringen in meine Nase. Auf dem Bürgersteig vor der Kirche sind Stehtische aufgebaut, kleine Gruppen drängen sich darum, ein Glas Wein und eine Brezel in der Hand. Im Vorraum der Kirche gibt es Getränke und Essen. Als ich den Kirchenraum betrete, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche sitzt ein bunt gemischtes Publikum und klatscht. Heute findet hier die „Lange Nacht der Chöre“ statt. Von 18 Uhr bis tief in die Nacht hinein bringen 26 Chöre, Orchester und Gruppen im Viertelstundentakt ein musikalisches Programm, das mich begeistert. Um 22 Uhr findet eine Kirchen- und Turmführung statt, der ich mich anschließe. Wir steigen die Treppen zum Turm hinauf. „Die Kirche war geschlossen, mehrere Jahre lang“, erfahre ich von Benjamin Schöler, der zum Konvent, einer Gemeinschaft von 30 Christinnen und Christen an der Refo, gehört.

„Die Kirchenleitung hat die Gemeinde zugemacht, als nur noch drei Personen im Gottesdienst waren – die Pfarrerin, der Organist und der Küster“, erzählt der junge Theologe mir und zehn anderen Gästen. Wir stehen mittlerweile unter dem Kirchendach, über dem Gewölbe der Kirche, auf schmalen Holzbrettern. Von unten dringt Chormusik durch die Decke zu uns. „Dann hat man alles abgeschlossen. Die Kirche, das sechsstöckige Pfarrhaus mit den Wohnungen und Büros, die Kindertagesstätte, den Gemeindesaal, den Theaterraum. Alles einfach zugemacht. Leider hat man auch vergessen, das Wasser abzustellen. Im Winter ist dann ein Rohr geplatzt und hat einen großen Schaden verursacht.“

In der Gruppe ist es still geworden. Wir erreichen den Turmraum mit der Glocke und erfahren, dass im Jahr 2011 eine Gruppe von Christinnen und Christen aus unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften den Ort neu belebt hat. „Wir sind ein bunter Haufen – Freikirchliche, aus evangelischen Landeskirchen, Katholiken, Orthodoxe und aus der Herrnhuter Brüdergemeinde. Das macht es nicht immer einfach. Aber wir wollten an einem gemeinsamen Ort ausprobieren, wie wir heute als Christen leben können. Wir bekommen kein Geld dafür, stecken unsere Arbeitskraft hier rein.“
Ich spüre an diesem Abend sehr deutlich, dass hier etwas Neues entstanden ist. Es gibt Ausstellungen und Konzerte; im benachbarten Saal probt ein Jugendtheater; im nächsten Jahr wird der Kindergarten wieder eröffnet –  und es wird wieder Gottesdienst gefeiert in der Kirche. Und zwar freitags um 20.15 Uhr, zur besten Fernsehkrimi-Zeit. „Wir wollten eigentlich in der Kirche nur mit unserer Gemeinschaft Gottesdienst feiern“, sagt Schöler, „und dann haben wir einfach mal die Glocke geläutet und die Türen aufgemacht.“

Wir sind auf dem Rückweg in den Kirchenraum, steigen die Turmtreppen wieder hinab. „Und dann“, frage ich, „was ist dann passiert?“  Zunächst nichts, erzählt mir Benjamin Schöler, aber dann hätten sich einige Leute in die Kirche getraut, Woche für Woche kam jemand hinzu, mittlerweile feiere man mit über 50 Leuten freitags den Gottesdienst. Viele Mitglieder des Konvents feierten am Sonntag dann in den umliegenden Gemeinden mit, die Katholiken gingen zu den Dominikanern nach St. Paulus, berichtet er mir. Die Landeskirche habe vorläufig den Erhalt der Gebäude zugesagt. In hunderten Stunden freiwilliger Arbeit haben Bewohner des Viertels bei der Renovierung der Gebäude mitgeholfen.
Zurück in der Kirche höre ich noch einige Zeit den Chören zu. Hier ist wirklich etwas aufgeblüht, denke ich, und eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja kommt mir in den Sinn: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43, 18-19a).

Es ist wirklich eine neue Art von Kirche-Sein und Gemeinschaft, die ich erlebt habe. Ganz anders als gewohnt, ohne viel Geld, ohne Personal, trotzdem froh und zuversichtlich. Die Menschen, die ich noch am nächsten Morgen treffen werde, begrüßen mich, als sei ich ein alter Freund und erzählen mir ihre Lebens- und Glaubensgeschichten.

Neu anfangen
Am nächsten Tag fahre ich mit dem Zug nach Hause. Ganz fröhlich, beschenkt und ermutigt.  Das wird lange Zeit so bleiben. Wenn mir heute trübe Gedanken kommen, denke ich an die Refo und die Menschen dort, die als Christen gemeinsam losgelaufen und aufgebrochen sind, um auf eine neue Art und Weise die Freude des Christ-Seins zu leben.

Ich wünsche uns, dass wir den Mut haben, unsere Schuhe neu zu schnüren und hinaus zu gehen. Wagen wir es, als Kirche das Laufen neu zu lernen! Dabei werden wir manches Mal hinfallen und uns einen blauen Fleck einhandeln. Aber das gehört zum Laufen lernen mit den eigenen Füßen ja dazu.