Neubeginn

Bei meiner Freundin Sabine waren es Klavierstunden, bei unserer Nachbarin eine Umschulung und bei meinem Cousin ein Inserat in der Zeitung. Und wie sah Ihr Neuanfang aus?

LeonieNachdem sie jahrelang ihre kranke Mutter gepflegt und drei Kinder großgezogen hatte, fand Sabine, es sei nun Zeit, auch mal an sich selbst zu denken und wünschte sich Klavierstunden – zu ihrem 65. Geburtstag. Unsere Nachbarin arbeitete 15 Jahre als Kindergärtnerin, bis sie sich endlich traute, ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen: Sie ließ sich zur Kinderkrankenschwester ausbilden, mit Mitte 30 und zwei Kindern im schulpflichtigen Alter. Und mein Cousin hatte lange genug ein Leben als Single verbracht, wie er fand, und gab mit knapp 50 Jahren eine Heirats-Annonce auf.

Zum Neubeginn gehört viel Kraft – und die kommt meistens erstmal aus einem Leidensdruck. Meist folgt der Neubeginn auf eine Phase, die weniger schön oder glücklich war: Man muss sich eingestanden haben, dass es einfach nicht mehr so weitergeht wie bisher. Dieses Gefühl, bestätigt zum Beispiel meine Freundin Sabine, habe ihr den Mut gegeben, mit 65 Jahren zur Klavierstunde zu gehen. Sie musste einfach etwas für sich tun. Denn Mut zum Risiko braucht der Neuanfang. Es kann einem schließlich keiner garantieren, dass man nicht auf dem Holzweg ist.

Das gilt für jedes Alter. Leben bedeutet nun mal Abschied und Neubeginn. Es sind verschiedene Stufen, die man im Leben nehmen muss, wie sie etwa Hermann Hesse im gleichnamigen Gedicht beschrieb: „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben. / Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Meine Freundin Sabine hat uns ein Jahr nach ihrer ersten Klavierstunde zu einem kleinen Privatkonzert eingeladen. Eine begnadete Pianistin wird nicht mehr aus ihr, aber es war ein sehr vergnüglicher Nachmittag, an dem wir zu Sabines Klavierbegleitung aus vollen Kehlen „Bruder Jakob“ schmetterten. Meine Nachbarin arbeitet heute als Krankenschwester. Es war kein leichter Weg, auch für ihre Familie war die Zeit der Umschulung entbehrungsreich, aber sie hat ihre Entscheidung keinen Moment bereut und ist heute viel ausgeglichener als im alten Job.

Psychologen wissen übrigens längst: Nicht die Perfektion macht uns glücklich. Sondern das Glück kommt aus der Fülle. Menschen, die öfter mal ihren Träumen nachgegangen sind und etwas Neues gewagt haben, sind meist glücklicher – selbst, wenn sie scheiterten.

Mein Cousin zum Beispiel hatte über sein Inserat keine Partnerin gefunden. Einige Zeit später lernte er Irene in der Stadtbibliothek kennen. Sie sind heute seit fünf Jahren verheiratet. Insofern sei er froh, dass das Inserat ihm kein Glück brachte – auch, wenn er erst sehr enttäuscht war. Es sollte so sein.

Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden, meinte der Philosoph Kirkegaard. Also: Worauf warten wir noch? Guten Neubeginn, wünscht Ihnen

Ihre Leonie

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