Was man halt so tut

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Wie Christsein heute aussehen könnte

Von Wilhelm Tolksdorf
Thomas Plaßmann? Die meisten von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des Neuen Ruhr-Wortes, werden ihn kennen: Den herausragenden Zeichner und Karikaturisten, der uns seit Jahren in der Tagespresse und in Kirchenmagazinen mit seinen Zeichnungen zum Lachen und Nachdenken bringt. Mit spitzer Feder, aber stets gutmütig und ohne Arglist oder Häme.
Es gibt da eine wirklich ganz wundervolle Zeichnung von ihm: Eine Gruppe von Partygästen steht im Kreis. In der Hand das Glas. Small Talk. Man sieht es an den Augen und Mündern. Alles bleibt an der Oberfläche. Man eckt nicht an, keiner tut dem anderen weh. Schliesslich sagt einer aus der Gruppe, dass er „Christ“ sei. Alle bleiben höflich. Man ist schliesslich tolerant – dann die alles entscheidende Frage: „Christ? Ach! Interessant….Und was macht man da so?“

Seltsam uninformiert

Treffender geht es nicht. So ist sie – die Gesellschaft, in der wir leben. Immer freundlich, tolerant, wohlwollend, innerlich gut aufgestellt. Aber geht es um religiöse Traditionen, da sind unsere Mitmenschen dann oftmals seltsam uninformiert, meist auch etwas unbeholfen. Sie wollen einem, der es mit seinem Glauben ernst meint, nicht zu nahe treten, wissen aber auch nicht so wirklich, was es damit auf sich hat. Soweit Thomas Plaßmann, soweit seine wundervolle Zeichnung. Aber jetzt noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Was macht man denn so – als Christ?
So simpel die Frage scheint, so schwierig ist eine überzeugende Antwort. Gerade heute, wo religiöses Leben und seine Traditionen einerseits in Vergessenheit geraten sind, andererseits die Religion aber auch für die Gesellschaft zur Herausforderung und vielfach zum Angstfaktor geworden ist. Vielleicht hilft da ein Blick in das Evangelium vom heutigen zweiten Sonntag im Advent. Markus, der Evangelist, berichtet von Johannes dem Täufer. Der Täufer? Ein eigenwilliger Typ in eigenwilliger Kleidung (Mk 1,6). Einer, der ausserhalb der Stadt lebt – und deren Glanz, deren Lärm und deren Geschwätzigkeit meidet (Mk 1,4). Er verkündet ein Antiprogramm zu dem, was die Menschen sonst so hören und machen: Umkehr, Buße; die Bereitschaft, Fehler und Sünden einzugestehen (Mk 1,4) – das fordert er den Leuten ab. Die aber lassen sich von der Härte der Botschaft des Johannes nicht abstoßen. Im Gegenteil: „Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems“ (Mk 1,5) zieht es hinaus zu diesem so besonderen Mann. Er ist ganz einfach Kult. Man will, man muss ihn unbedingt hören (Mk 1, 5). Und sein Geheimnis kennenlernen. Das aber ist so geheim eigentlich nicht – Johannes weiß um einen „Stärkeren“, dessen Kraft und Macht der Heilige Geist ist (Mk 1,8). Ihm kann man nur in aller Demut dienen (Mk 1,7) – ihm muss man alle Wege dieser Welt bereiten (Mk 1,2-3).

Beruf des Christen

Das ist es. Der Beruf des Christen. Im Klartext: Christen – das sind Menschen, die wie Johannes der Täufer aus Gott zu leben wagen. Die Kraft schöpfen aus der Nähe zu diesem Gott. Und so die Fähigkeit gewinnen, für ihre Mitmenschen da zu sein. Mit vollem Einsatz. Die dort helfen, wo sie gebraucht werden. An den Orten jenseits der großen Ströme von Politik, Kultur und Gesellschaft. An den Außenposten dieser Gesellschaft. In den Hospizen. Auf den Krankenstationen. In den Stadtvierteln, wo viele von denen wohnen, die wenig haben im Leben.
Dort sind sie, die Christen. Mit ihrem Gebet. Und mit ihrer konkreten Hilfe. Aber auch mit einem guten oder auch einem mahnenden Wort. Einer Geste des Vertrauens. Mit einem Zeichen stiller Anteilnahme. Das ist der Beruf der Christen. Und das ist ihre Wüste: Dass sie anders als ihre Zeitgenossen sind, sich nicht mit dem zufrieden geben, was Menschen sonst zu erfüllen scheint – Ruhm, Macht, Geld, äußerer Glanz.
Im besten Falle sind sie das starke Kontrastprogramm zu einer Gesellschaft, die immerfort um sich selber rotiert, die nicht zur Ruhe kommt, weil der Eifer sie treibt, sich immerfort selbst erschaffen zu müssen. Denn die Christen wissen – und dies in aller Demut und Bescheidenheit: Es gibt einen Stärkeren. Ihm dürfen wir dienen. Wir müssen uns nicht erfinden, wir sind schon gefunden. Von dem Gott, der uns in seinem Sohn nahe ist. Von dem, der zu allen Menschen kommen will.

Ein Partygast?

Von ihm redet Johannes der Prophet mit starken Worten. Bei rechtem Licht betrachtet: Ein angenehmer Partygast wäre er wohl nicht, der Täufer. Aber deshalb ist er auch genau der richtige Mann dafür, von dem Gott des Lebens Zeugnis zu geben. Und von unserem Auftrag zu sprechen, diesem lebendigen, aufregenden Gott, dem Vater Jesu Christi, alle Wege dieser Welt zu bereiten. Wenn das kein Beruf ist. Und guter Stoff für viele Gespräche.

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Msgr. Dr. Wilhelm Tolksdorf, Seelsorger in St. Gertrud, Essen-Mitte