„Alle helfen mir“

Wassertrucks wie dieser sichern das Überleben der Flüchtlinge

Wassertrucks wie dieser sichern das Überleben der Flüchtlinge

Matti Zora stammt aus dem Irak und hat in Gelsenkirchen eine Zuflucht gefunden

Buer. Matti Zora und seine Familie im Urlaub in den Bergen – das Bild stammt aus glücklichen Tagen. Nur wenige Monate später ist im Leben des 53-Jährigen kaum mehr etwas, wie es war, seit er seine Heimat im irakischen Karamlish verlassen hat, eine christliche 5000-Einwohner-Stadt – rund 29 Kilometer südöstlich von Mossul.

„Wir haben alle unsere Sachen dagelassen, unsere ganze Geschichte“, sagt er, macht eine Pause und holt tief Luft. Wenigstens die Fotos, die er regelmäßig in seine Facebook-Chronik geladen hat – die sind ihm geblieben. Nun zeigt er sie auf dem Computerbildschirm, zeigt das Leben seiner Familie und der chaldäischen christlichen Gemeinde in seiner Heimat, zeigt den Alltag und frohe Feste. Vergangenheit.

Als er aus Karamlish abreiste, ahnte er nicht, dass er für längere Zeit von seiner Familie getrennt werden würde. Als aramäischer Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist wollte er in Frankreich an einer Konferenz über den Genozid an den Armeniern von 1915 teilnehmen und zuvor bei Freunden in Hannover Station machen. Dann startete der „Islamische Staat“ seinen Angriff auf Mossul, und nur innerhalb weniger Tage brachten die IS-Kämpfer die Stadt vollständig unter ihre Kontrolle.

„Das war für uns alle völlig überraschend. Das hätten wir uns nicht vorstellen können. Am 25. Juni verließen meine Frau und meine Kinder, wie alle Einwohner, unsere Stadt, weil sie große Angst hatte, dass der IS kommen werde“, erzählt Matti. Aber die Terroristen kamen zunächst nicht, und die Christen kehrten in die Stadt zurück, weil kurdische Truppen versprachen, sie zu beschützen.

Die Konferenz in Paris war wegen der Ereignisse im Irak inzwischen abgesagt worden. Matti blieb in Deutschland, kam in Asylunterkünfte nach Braunschweig, Bielefeld und Schöppingen – und dann vor acht Wochen nach Gelsenkirchen. In seiner Heimat wurde unterdessen die Versorgungslage schlechter: „Es gab keine Elektrizität mehr, keine Wasserversorgung und auch kein Benzin“, weiß er aus Berichten seiner Familie. „Am 6. August verließen alle Christen erneut Karamlish, nur mit den Kleidern, die sie am Leibe trugen. Christen können in dieser Region nicht mehr leben. Meiner Familie gelang es, in die Türkei zu flüchten“, berichtet er.

Die Situation sei dort nicht gut, seine Frau, die als Religionslehrerin arbeite, habe seit Monaten kein Geld mehr verdient. Von seiner finanziellen Unterstützung, die er in Deutschland erhält, kann und darf er nichts weiterleiten. „Aber sie sind in Sicherheit.“ Das sei das Wichtigste, doch er hoffe, dass seine Familie nach Deutschland kommen könne.

„Unsere Region ist nun vollständig in Händen des IS“, berichtet der 53-Jährige mit traurigen Augen: „Ich liebe meine Heimat“, sagt er, „aber ich habe wenig Hoffnung, dass wir zurückkönnen, dass wir dort eine Zukunft haben. Denn unsere Existenz ist vernichtet.“ Seine Familie besaß in Karamlish ein kleines Haus. „Ich hatte mehr als 5000 Bücher, ich nehme an, dass sie alle verbrannt wurden, wie IS das auch an anderen Orten getan hat.“ Matti ist ein vielbelesener Mann, auch deutsche Schriftsteller und Philosophen hat er gelesen: „Hesse, Kafka, Nietzsche, Schiller – und natürlich Goethe.“

Viele Berufe hat Matti ausgeübt. 1982 hat er sein Ingenieurstudium abgeschlossen. Nach einer Zeit als Panzermechaniker im ersten Golfkrieg wurde er Lehrer. Doch infolge des Irak-Embargos sei die Bezahlung zu schlecht geworden, und er verließ die Schule, um als Schreiner zu arbeiten. „Diesen Beichtstuhl habe ich zusammen mit meinem Bruder gebaut“, sagt er und zeigt stolz auf ein Foto in seiner Facebook-Chronik.

Matti ist ein sehr gläubiger Mensch, hat in seiner Gemeinde mehrere kirchliche Ehrenämter übernommen. Und so hat er auch in Deutschland den Anschluss an die katholische Gemeinde in der Nähe seiner Unterkunft gesucht. Das gibt ihm Kraft und Halt. „Alle beten hier für mich und tun so viel für mich, helfen mir, wo sie nur können“, sagt Matti und dankt stellvertretend den Pastoren Michael Fey, Swen Beckedahl und Martin Lohof.

Viel Zeit verbringt Matti nun in den Gemeinden St. Ludgerus und St. Barbara. Er liest in der Bibel – und lernt so Deutsch. „Ich trage den Text in meinem Herzen und kann ihn so für mich übersetzen“, sagt er. „Ich möchte mir selbst helfen und mir Deutsch selbst beibringen.“ Er hat Ehrgeiz. Nur zwei Wörterbücher – Deutsch-Englisch und Aramäisch-Englisch – helfen ihm dabei.

„Ich möchte mich in Deutschland integrieren, weil wir dieselbe Religion haben“, sagt er, der sich ein Zusammenleben mit Moslems derzeit nicht mehr vorstellen kann. „Menschen wurden getötet, nur weil sie Christen sind“, sagt Matti. Die Geschichte seiner Heimat sei voll von Christenverfolgungen in den zurückliegenden Jahrhunderten, weiß der Schriftsteller. „Immer wieder wurden Christen ermordet“, sagt er und kann es zugleich nicht fassen, dass dies auch im 21. Jahrhundert noch möglich ist.

Boris Spernol

Zuerst gedruckt erschienen in Neues Ruhr-Wort vom 4.10.2014

Ihnen hat unser Bericht gefallen? Sie können unsere Wochenzeitung hier ganz bequem abonnieren.

Link zur Hilfsaktion der Caritas im Bistum Essen