Lust auf Gänsehaut

Warum Kinder nicht nur zu Halloween Gruselgeschichten mögen

Die Lust am Gruseln hat Hochsaison: Halloween mit seinen Kürbisgrimassen, seinen Vampir- und Skelett-Maskeraden wird immer beliebter. Es ist dabei, sowohl dem evangelischen Reformationstag als auch dem katholischen Doppelfest von Allerheiligen und Allerseelen den Rang abzulaufen. Seit den 1990er-Jahren etabliert sich der ursprünglich irische Brauch, der über den Umweg der USA nach Deutschland kam, immer mehr. Kräftig unterstützt wird der Brauch vom Handel. Denn mit Kostümen zum Halloween-Karneval im Herbst lässt sich trefflich Umsatz machen.

Auch Kinder lieben es, in gruseliger Maskerade durch die Straßen zu ziehen und mit dem Spruch „Süßes, sonst gib’s Saures“ nach Süßigkeiten zu heischen. In den USA erbitten Kinder neben Süßigkeiten auch Spenden für das UN-Kinderhilfswerk. Seit 1950 seien 188 Millionen Dollar für Kinder in Not eingegangen, berichtet Unicef.

Foto: Astrid Götze-Happe/pixelio.de

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Kritische Kampagnen tun keinen Abbruch

Hierzulande scheinen kritische Kampagnen dem Geisterkult zu Halloween keinen Abbruch zu tun. Der Hinweis darauf, das ursprünglich keltisch-heidnische Samhain-Fest, bei dem heimatlos umherziehende Seelen vertrieben werden sollten, sei zum Allerheiligenfest christlich umgeformt worden, mindert die Freude am Schrecklich-Schönen nicht. Auch die Kampagne, in der evangelische Christen unter dem Motto „Hallo Luther statt Halloween“ „Lutherbonbons“ verteilen und Schilder mit der Aufschrift „Wir feiern Reformationstag“ aufstellen, können der Freude am „heidnischen“ Gruselfest kaum Abbruch tun.

Wie kommt es, dass schon Kinder – auch abgesehen vom Grusel-Fest im Herbst – den wohligen Schauder genießen, den Gespenstergeschichten, die Erzählung von Vampiren, Zauberern und Hexen ihnen über den Rücken jagt? Wer an seine eigene Kindheit und Jugend zurückdenkt, erinnert sich daran, dass ein Abend mit Gespenstergeschichten am Lagerfeuer auch auf Jugendfreizeiten zu den Höhepunkten gehörte.

Das Kinderbuch „Die kleine Hexe“, die mit Witz, Verstand und Zauberkünsten Gutes tut und zum guten Schluss die „großen Hexen“ austrickst, ist seit Generationen ein Bestseller. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Bibi Blocksberg oder Serienheld Harry Potter, der als Zauberschüler unter Gefahr für sein eigenes Leben am Ende das Böse besiegt. Dass Kinder sich mit diesen Zauberhelden identifizieren oder gar selbst in die Rolle von Hexen, Gespenstern oder Monstern schlüpfen, hat einen psychologischen Hintergrund: Wer spielerisch selbst zu einem furchterregenden und angstmachenden Wesen wird, kann die eigene Ohnmacht und das, was womöglich Angst macht, besiegen.

Dass kleine Kinder Angst vor der Dunkelheit, vor Fremden oder gar Monstern unterm Bett haben, ist ganz normal, selbst wenn Eltern versucht haben, alles Bedrohliche und Ängstigende von ihnen fernzuhalten. Angst scheint zu unserem genetischen Erbe zu gehören. Besiegt werden kann sie nicht durch „Wegreden“, sondern durch Auseinandersetzung im sicheren Umfeld.

Auch im Märchen werden Kinder mit Schaurigem, Gefährlichen und Grausigem konfrontiert. Aber sie wissen und erleben zugleich: Die Sache geht gut aus. Das Gute siegt. Das Böse hat keine Chance.

Märchen machen Hoffnung und Mut

Märchen machen Hoffnung und Mut, obwohl oder gerade weil sie das Furchtbare nicht ausblenden. „Kinder brauchen Märchen“, forderte deshalb schon der US-amerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim. Auch für den Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther macht es Sinn, die Kraft der durchaus nicht „harmlosen“ Märchen, in denen die Helden grässlichen Gefahren ausgesetzt sind, zu nutzen, um Kindern Werte zu vermitteln und ihr Vertrauen zu stärken. „Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Bedrohlichen und Gefährlichen werden Vertrauen, Mut und Zuversicht gestärkt“, stellt Hüther fest.

Auszuhalten ist diese „Angstlust“, wie Psychologen den Mix aus Furcht und Wonne bezeichnen, allerdings nur dann, wenn die Grenze zwischen Realität und Fantasie für die Kinder deutlich bleibt. Eine Rückkehr in die sichere Realität, sprich notfalls auf den Schoß der Erzählerin oder des Erzählers, muss jederzeit möglich sein. Gerald Hüther erläutert dazu: „Damit es richtig im Bauch kitzelt, ist die Atmosphäre wichtig: Man kann dazu eine Kerze anzünden und das Erzählen oder Vorlesen zu einem Ritual machen. Das hilft Kindern, Ruhe zu finden und sich zu konzentrieren. Ein bisschen fruchtbar und aufregend darf es aber schon sein, wenn nur am Ende alles gut wird.“

Lust an Gänsehaut erleben lassen

Natürlich braucht es keineswegs den importierten und letztlich inhaltslosen Geister-Kult von Halloween, um Kinder die Lust an der Gänsehaut erleben zu lassen. Vorlesen, Erzählen und Verkleiden können das ganze Jahr Saison haben. Und Süßigkeiten gibt es beim Martinssingen auch – verbunden mit der Geschichte vom Teilen und vom Mitgefühl mit den Armen. Vielerorts bieten Gemeinden und Jugendgruppen auch fantasievolle Alternativangebote für Kinder und Jugendliche an. Denn das Verteufeln von Halloween allein ist keine Lösung.                           Karin Vorländer

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