Geht doch!

Mitte Juni ist der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit zum Pariser Klimagipfel gestartet. Im Ruhrbistum macht er in Gevelsberg Station.

Es gibt die Leugner des Klimawandels, es gibt die Panikmacher und Apokalyptiker, die Zyniker, die Galgenhumoristen, die Vogel-Strauß- und Nach-mir-die-Sintflut-Taktiker und die Resignierer, die Rebellen, die Hoffnungsvollen und die Ökobewegten – und es gibt die Pilger. Mitte Juni startete am Nordkap der wohl größte Pilgerzug unserer Zeit: der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit. Unter dem Leitwort „Geht doch!“ pilgern Menschen seitdem und noch bis zum 28. November durch Europa. Am 23. Okto­ber erreicht die Pilgergruppe Gevelsberg und wird dort von Weihbischof Wilhelm Zimmermann empfangen.

Seit dem 13. September pilgern von Flensburg aus auch die Deutschen mit. Das Ziel: die UN-Klimakonferenz in Paris. Es ist die 21. Konferenz der „United Nations Framework Convention on Climate Change“ (UNFCCC). Der Pariser Konferenz, die vom 30. November bis zum 11. Dezember stattfindet, wird zentrale Bedeutung beigemessen, denn auf ihr soll eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung in der Folge des 1997 vereinbarten Kyoto-Protokolls getroffen werden. Das 2005 in Kraft gesetzte Kyoto-Protokoll beinhaltet unter anderem erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für Treibhausgase und ihre Reduzierung. Die Treibhausgase gelten als maßgebliche Verursacher der globalen Erderwärmung, sind allerdings nur einer der Faktoren für den Klimwandel, den wir weltweit erleben. Einer der Knackpunkte beim Kyoto-Protokoll: die USA – einer der weltweit größten Emissäre von Treibhausgasen und auch sonst in Sachen Umweltverschmutzung und Klimabedrohung neben China einer der Riesen – sind dem Abkommen nie beigetreten. Kanada hat im Jahr 2011 seinen Ausstieg erklärt.

Globaler Kollaps droht

Immerhin: Im Vorfeld der 21. UN-Klimakonferenz haben auch die USA ihre Ziele zum Klimaschutz definiert und bei der UN eingereicht. Bis August hatten allerdings nur 22 der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen ihre Klimaziele und Informationen zu geplanten Klimaschutzprogrammen an die UN übermittelt. Die Schweizer waren die ersten, die Europäische Union die zweiten – und mit Mexiko reichte erstmals ein Schwellenland seine Absichtserklärung ein, mit Gabun das erste afrikanische Land. Seit dem Welt-Klimagipfel von Rio de Janeiro 1992 befinden wir uns in einem seltsamen Schwebezustand, der gleichzeitig ein Wettlauf gegen die Zeit und ein ewiges Hin und Her aus Vereinbaren, Verzögern, Vertagen und neu Vereinbaren ist. – Es gibt also viel zu tun für die zahlreichen Organisationen, Institutionen, Bewegungen, Wissenschaftler und Einzelpersönlichkeiten, die sich für den Klimaschutz und für nachhaltigen und ernsthaften Wandel beim Thema Klima einsetzen.

„Das Überleben der Menschheit und unserer Erde braucht nachhaltige Politiken. Paris ist mehr als eine Folgekonferenz in der Geschichte des UNFCCC. Ein weiteres Vertagen und Verzögern von ambitionierten weltweiten Klimazielen führt zu einem globalen Kollaps“

Das betont auch eine der Schirmherrinnen des Ökumenischen Pilgerweges, ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann: „Das Überleben der Menschheit und unserer Erde braucht nachhaltige Politiken. Paris ist mehr als eine Folgekonferenz in der Geschichte des UNFCCC. Ein weiteres Vertagen und Verzögern von ambitionierten weltweiten Klimazielen führt zu einem globalen Kollaps“, warnt sie. „Die Aufschreie von Mensch und Natur sind nicht zu überhören.“ Dem Ökumenischen Pilgerweg geht es aber nicht nur darum, auf den Klimaprozess aufmerksam zu machen, in dem wir längst stecken. Er lenkt den Fokus vielmehr auf das Thema Klimagerechtigkeit. Für viele Wissenschaftler und Klimahüter ist unbestritten, dass die Industrienationen mit ihrem Wirtschafts- und Lebensstil ein maßgeblicher Verursacher des Klimawandels sind. Doch haben sie noch die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Maß freizukaufen oder etwa durch Technologien und Errungenschaften der Wissenschaft die Folgen des Klimwandels zu mildern. Anders sieht es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern aus, in welche die Industrienationen ihre klimaschädlichen Produktionsketten und auch viel von ihrem klimaschädlichen Lebensstil exportiert haben. Sie leiden schon jetzt am stärksten unter den bereits deutlich wahrnehmbaren Folgen der Verletzungen, die der Mensch der Erde und der lebenswichtigen Atmosphäre täglich zufügt.

Immer häufigere und heftigere Stürme mit massiven Überflutungen – wie etwa in Bangladesch, Burma und Vietnam –, massive Dürren und in der Folge Ernteausfälle und zunehmender Hunger – das sind einige der schlimmsten Auswirkungen. In vielen armen Ländern wird der Lebensraum von Mensch, Tier und Fauna zerstört – mindestens für Generationen.

Arme tragen Hauptlast

Dem Export der Zerstörung steht gegenüber, dass alternative Energien und Technologien, die den Klimawandel mildern könnten, bewusst zurück- und unter der Kontrolle der großen Industrienationen beziehungsweise -unternehmen gehalten werden. Auch so geht der Klimawandel zur Hauptlast der armen Länder und ökologisch fragilsten Regionen der Erde. Der Ökumenische Klimapilgerweg hat daher einige Forderungen an die Politik formuliert und mitgenommen auf den Weg nach Paris. Die Kernforderungen: Ein rechtlich verbindliches und faires Klimaabkommen – jetzt! Gerechte, ehrgeizige und dauerhafte Klimaschutzmaßnahmen. Eine deutliche Erhöhung der finanziellen Mittel für Anpassung und Klimaschutz.

Aber wie ist es nun mit dem größten aller Ziele und Wünsche, den Klimawandel zu stoppen? Es ist ein Ziel, das unerreichbar ist. Nicht nur, weil der Mensch es bereits viel zu weit getrieben hat mit seinem buchstäblich egozentrischen und die Erde auslaugenden Verhalten. Der Klimawandel selbst ist ein natürliches Phänomen. Schon immer hat sich das Klima der Erde in bestimmten Zyklen gewandelt. Und während wir vielerorts unter zunehmender Hitze stöhnen, wie in diesem Sommer, und mit Sorge auf die schmelzenden Polkappen und Gletscher blicken, sind wir eigentlich gerade in der Vorstufe zur nächsten Eiszeit, wie etwa der amerikanische Geowissenschaftler Gregg Braden erklärt. Das Problem jetzt ist nur, dass durch die Eingriffe des Menschen die Folgen der Klimaschwankungen immer extremer werden.

„Wenn man Realist ist, wird sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens zwei Grad erwärmen. Alles was darüber hinausgeht, können wir noch vermeiden.“

Und für unsere Erde wird es immer schwerer, einen Ausgleich zu schaffen. Es muss also jetzt darum gehen, den Klimawandel zu mildern. Das erklärt auch Dr. Mojib Latif, einer der anerkanntesten deutschen Klimaforscher. Er versteht sich als Missionar des Klimas und wirbt unter anderem für alternative beziehungsweise „saubere“ Energien, wie er sagt.

„Es lohnt sich“

In einem Interview mit dem WWF (World Wide Fund for Nature) hat er einmal gesagt: „Wenn man Realist ist, wird sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens zwei Grad erwärmen. Alles was darüber hinausgeht, können wir noch vermeiden.“ Und immer wieder betont er: „Es lohnt sich, etwas zu tun.“ Vielleicht haben das ja jetzt, nach einem „Horrorsommer“ mit extremer Dürre in Kalifornien, auch die USA erkannt. Und vielleicht passiert auf den letzten Metern von Obamas Präsidentschaft ja etwas Entscheidendes. Die Klimapilger warten das allerdings nicht ab – sie laufen und handeln.
Hildegard Mathies

Gedruckt erschienen im Neuen Ruhr-Wort, Nr. 36, vom 5. September 2015. Ihnen hat unser Bericht gefallen? Sie können unsere Wochenzeitung hier ganz bequem abonnieren und unsere Berichterstattung unterstützen.

Info www.klimapilgern.de

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