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Macht die Region krank?

Mediziner und Medizininteressierte diskutierten in der Wolfsburg die Gesundheitsversorgung im Ruhrgebiet.
Über die Gesundheitsversorgung im Ruhrgebiet sprachen Prof. Josef Hilbert, Generalvikar Klaus Pfeffer, Dr. Judith Wolf, Martina Hoffmann-Badache, Dr. Ansgar Wübker, Dr. Christoph Hanefeld (v. .l.).Foto: Emons

Über die Gesundheitsversorgung im Ruhrgebiet sprachen Prof. Josef Hilbert, Generalvikar Klaus Pfeffer, Dr. Judith Wolf, Martina Hoffmann-Badache, Dr. Ansgar Wübker, Dr. Christoph Hanefeld (v. .l.). Foto: Emons

Mülheim. „Macht die Region krank?“ Die Frage wollte und sollte provozieren. Der Bistumsrat für Gesundheit und Medizinethik diskutierte jetzt mit rund 400 Medizinern und Medizininteressierten in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg den Stand der Gesundheitsversorgung im Ruhrgebiet. Die Zahlen, die Professor Josef Hilbert vom Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik und Gesundheitsforscher Dr. Ansgar Wübker vom in Essen ansässigen Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung auf den Tisch legten, ließen aufhorchen.

Einerseits arbeiten im Ruhrgebiet 370000 Menschen im Gesundheitssektor. Sie verdienen ihr Geld nicht nur als Ärzte und Pflegekräfte, sondern auch im wachsenden Dienstleistungsbereich der Medizintechnik, die zuletzt im Jahresvergleich ein Plus von rund 18 Prozent aufweisen konnten.

Andererseits haben Menschen in Bonn und im Münsterland, statistisch betrachtet, fünf Lebensjahre mehr zu erwarten, als Menschen in Gelsenkirchen. Und in der Stadtregion Ruhrgebiet müssen sich im Durchschnitt rund 2100 Bürger einen Hausarzt teilen, während im Bundesdurchschnitt nur 1600 Bürger auf einen Hausarzt kommen. „Da brennt was an. Da besteht akuter Handlungsbedarf“, betonte denn auch Professor Hilbert. NRW-Gesundheits-Staatssekretärin Monika Hoffmann-Badache sieht die zentrale Herausforderung in den Folgen des demografischen Wandels. „Wir haben im Ruhrgebiet eine vergleichsweise alte Bevölkerung mit entsprechendem Versorgungsbedarf“, machte sie deutlich.

Das Land finanziert in diesem Zusammenhang, laut Hoffmann-Badache, zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und vor allem stadtteil- und quartiersorientierte Förderprojekte. Besondere Hoffnungen richten sich dabei auf die sogenannten Stadtteil- und Quartiermanager. Sie sollen alle Akteure vor Ort an einen Tisch bringe, zu konzertierten Aktionen motivieren, die sich nicht nur, aber auch auf die vorbeugende Gesundheitsfürsorge beziehen können.

Rumoren könnte helfen

Eine strukturelle Handlungsunfähigkeit des Landes räumte Hoffmann-Badache bei der Ärzteversorgung des Ruhrgebietes ein. „Als die jetzt geltende Quote 2012 durch den gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen festgelegt wurde, haben wir sehr wohl unsere Bedenken geäußert. Wir haben in diesem Entscheidungsgremium, ebenso wie die Patientenverbände, aber leider nur einen beratenden Mitgliedsstatus“, erklärt die Gesundheitsstaatssekretärin das Grundproblem. „Ein bisschen mehr Rumoren könnte da weiter helfen“, appellierte Professor Hilbert an Ärzte, Politiker und Patientenvertreter der Region. Professor Christoph Hanefeld vom katholischen Universitätsklinikum Bochum und Dr. Wübker vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung kamen bei der Betrachtung ihrer Zahlen und ihrer praktischen Erfahrungen zu dem Ergebnis, dass das Ruhrgebiet aufgrund seiner sozialen Struktur eher ein soziales als ein medizinisches Problem habe. Denn einerseits ist das Ruhrgebiet bei der 112-Notarztversorgung mit einer maximalen Anfahrtszeit von acht Minuten im Landesvergleich Spitze. Außerdem konnte die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle in den vergangenen 15 Jahren durch Gesundheitsvorsorge halbiert werden. Andererseits leben im Ruhrgebiet viele einkommens- und bildungsarme oder sogar unversicherte Menschen, die seltener zum Arzt oder zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und auch weniger Einsicht in den Zusammenhang von Bewegung, Ernährung und Gesundheit mitbringen.

Wenn es um das Thema Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsaufklärung im Ruhrgebiet geht, sieht Generalvikar Klaus Pfeffer auch die Kirche gefordert. Er sagt: „Wir dürfen uns nicht nur auf uns selbst beziehen. Wir müssen heraus aus unseren Zirkeln und hinein in die Stadtteile, um zusammen mit anderen Akteuren aktiv zu werden. Wir müssen uns stärker fragen, für wen unsere vorhandenen Einrichtungen eigentlich da sind und da sein sollten. Denn alleine können die Gemeinden vor Ort nur wenig bewirken.“ Thomas Emons

Gedruckt erschienen im Neuen Ruhr-Wort, Nr. 48, vom 28. November 2015. Ihnen hat unser Bericht gefallen? Sie können unsere Wochenzeitung hier ganz bequem abonnieren.