Verloren in der virtuellen Welt

 

Foto: l-vista/pixelio

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Von Peter Neysters

Kaum ist er aus der Schule zurück, verzieht er sich in sein Zimmer und ist bis in den späten Abend nicht mehr zu sehen. Der Junge, gerade 15 Jahre jung, sitzt vor seinem Computer und spielt Minecraft oder andere Computerspiele. Mit großer Leidenschaft, mit unermüdlicher Ausdauer!

Da kann draußen die Sonne scheinen und noch so sehr ins Freie locken. Er geht nicht schwimmen, ist in keinem Sportverein, verabredet sich nicht mit Freunden oder Klassenkameraden. Er isoliert sich immer mehr, wird zum „modernen Einsiedler!“ Keine Kontakte, kaum mehr Beziehungen – ein Leben hinter dem Bildschirm. Und die Leistungen in Schule oder Beruf lassen spürbar nach.

„Das ist doch nicht normal“, klagt seine Mutter. Und der Vater behauptet: „Unser Sohn ist wohl süchtig?!“ So falsch liegen die Eltern nicht. Wenn Kontakte aufgegeben, familiäre Unternehmungen ständig unterlaufen und der Rückzug in die virtuelle Welt das reale Leben torpediert, dann müssen alle Alarmglocken klingeln. Dann fragen sich besorgte Eltern wohl zurecht: „Wann hört der Spaß auf, wann fängt die Sucht an?“

Einige Stunden spielend am Computer zu verbringen – bevorzugt am freien Wochenende oder in den Ferien –, muss noch nicht in Abhängigkeit führen. Aber das Spielverhalten verstärkt sich, wenn immer mehr Zeit und Aufwand nötig werden, um einen nachhaltigen Kick zu erreichen. Der stellt sich erst ein, wenn Erfolge erzielt und „Belohnungsgefühle“ sich ausbreiten. Das alles verlangt nach Mehr! Dadurch entsteht bei den Online-Spielen ein kaum zu beherrschender Sog.

Tendenz steigend

Bis zu einer Million Menschen gelten in Deutschland nach Expertenmeinung als mediensüchtig, Tendenz steigend. Während unter Jugendlichen der Alkohol- und Tabakkonsum rückläufig ist, steigt die Zahl der „Digital Junkies“. „Die Abhängigkeit betrifft Online-Spiele, Cyber-Sex, soziale Medien bis hin zu Online-Shopping. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind betroffen“, warnt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU).

Die Ursachen für dieses Suchtverhalten sind vielfältig wie auch vielschichtig. Personengebundene wie soziale Faktoren spielen da hinein. Zum einen ein geringes Selbstwertgefühl bei hohem Leistungsdruck und übersteigerten Erwartungen an sich selbst; zum anderen fehlende soziale Einbindung in Familie, Schulklasse, Freundeskreis. Wem dort vorwiegend soziale und emotionale Kälte entgegenschlägt, der sucht in der Computerwelt nach Ersatzbindungen.

Jedoch: Wer tagelang spielt, vernachlässigt sich und verwahrlost physisch wie psychisch. Süchtige klagen über „übliche Entzugserscheinungen“, wie Zittern, Schwitzen, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Es kann in Folge zu Angststörungen und Depressionen kommen. Ein verhängnisvoller Kreislauf! Da hilft nicht einmal mehr die irrige Selbsteinschätzung, jederzeit mit dem Spielen aufhören zu können… Wie sehr die Computer-Welt die Menschen in Bann zieht, machen die neuen (Besucher)Rekorde der weltweit größten Schau für Computer- und Videospiele in Köln 2015 bewusst: 345000 Besucher an fünf Tagen, 800 Aussteller aus mehr als 40 Ländern und Wartezeiten von bis zu drei Stunden und mehr, um an ein neues Spiel zu kommen. Spiele am Computer generell als „digitale Verblödung“ zu verteufeln, geht an der Lebenswirklichkeit gerade junger Menschen vorbei. Dafür spielen Kinder und Jugendliche einfach zu gern – heute eben bevorzugt, aber meist nicht exklusiv, in der virtuellen Welt. Der digitale Fortschritt ist in vielerlei Hinsicht hilfreich und gut, aber das Leben selbst lässt sich im letzten nicht digitalisieren.

Grenzen setzen

Wie in allen anderen Lebensbereichen müssen auch im Umgang mit den modernen Medien Grenzen gesetzt werden. Mediziner wie Psychologen empfehlen feste Zeiten mit einer roten Grenzlinie von zwei bis drei Stunden täglich, die nicht überschritten werden darf. Um mitreden zu können, müssen Eltern um die Attraktivität, die Faszination und nicht zuletzt um die Verführungskunst der Spielkonsolen wissen und sich mit den Helden und Größen der virtuellen Welt auseinander setzen. Besser als alle (oft durchaus notwendigen) Schutzprogramme, die die Zeiten reglementieren und die Programme auswählen, ist immer noch das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Das elterliche Interesse an der Welt ihrer Kinder ist die beste „Kindersicherung“.

Entscheidend sind letztlich die „Vorgaben“ der Eltern und aller Mit-Erzieher. Wie sind ihre Einstellung, ihr Verhalten und ihr Umgang mit den Medien aller Art? Verlieren auch sie sich allzu leicht in der virtuellen Welt? Oder wissen sie noch den Wert unmittelbarer Kommunikation zu schätzen?! Eine solche Zuwendung kann die sporadische Abwendung vom Internet erleichtern helfen. Kinder müssen nicht immer „on sein“, um mitreden zu können…

Peter Neysters ist ehemaliger Leiter der Abteilung „Ehe und Familie“ sowie „Sakramentenpastoral“ im Bistum Essen.

Gedruckt erschienen im Neuen Ruhr-Wort, Nr. 48, vom 28. November 2015. Ihnen hat unser Bericht gefallen? Sie können unsere Wochenzeitung hier ganz bequem abonnieren.

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