Kardinal Lehmann wäre „zufrieden, wenn es die erste Diakonin gibt“

Köln. In der neuen Debatte über ein mögliches Diakonat der Frau hat sich der scheidende Mainzer Kardinal Karl Lehmann offen gezeigt. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks, das am Sonntag ausgestrahlt wird, sagte er auf die Frage, wann es die erste Bischöfin von Mainz geben werde: „Ich wäre schon mal zufrieden, wenn es die erste Diakonin gibt.“

Kardinal Lehmann Foto: Bistum Mainz

Kardinal Lehmann
Foto: Bistum Mainz

Er habe selber erlebt, „wie in Rom dann auch etwas zustande gekommen ist, mit dem Ausschluss der Frau vom Priesteramt, da weiß ich nicht, ob man da einen Wandel erwarten kann“. Lehmann sagte, er schaue auf die „Dinge, die man ohne allzu große Schwierigkeiten, ohne Spaltungen in der Kirche erreichen kann, und da gibt es noch viel zu tun“. Papst Franziskus hatte am Donnerstag im Vatikan die Einrichtung einer Studienkommission angekündigt, die eine Zulassung von Frauen zum Diakonat prüfen soll.

Er hat – „gelegen oder ungelegen“ – seine begründete Meinung gesagt, hat – „so gut es als Mensch geht“ – geradlinig und sachlich seine Arbeit gemacht: Kardinal Karl Lehmann. Am Pfingstmontag wird er 80 Jahre alt. Das hohe Maß an Anerkennung, Respekt und Sympathie, das ihm in Kirche, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft zuteil wird, hat sich Lehmann redlich verdient. Er steht für ein weltoffenes, lebensbejahendes Christentum, ist ein allseits gefragter und geschätzter Gesprächspartner.

„Ich identifiziere mich mit meiner ganzen priesterlichen Existenz und in der Ausrichtung meines Dienstes daran. Ich könnte mich gar nicht denken ohne das Konzil.“

Daran wird sich auch nichts ändern, wenn der Kardinal bald nicht mehr Bischof von Mainz ist. Lehmann geht davon aus, dass Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch annimmt und der 80. Geburtstag sein „letzter Arbeitstag“ im Mainzer Bischofsamt ist. Dass Lehmann diese Arbeit aufnahm, ist bald 33 Jahre her. Am 2. Oktober 1983 wurde er im Mainzer Dom zum Bischof geweiht und in sein Bischofsamt eingeführt. Mit 47 Jahren war er der damals jüngste katholische Bischof in Deutschland. Lehmanns bischöflicher Wahlspruch „State in fide“ (Steht fest im Glauben) gab die Richtung seines künftigen Tuns an.

Wobei für Lehmann galt und gilt, dass die Treue zum Glauben und die Treue zu den Menschen zusammengehören und sich Glaube und Vernunft nicht ausschließen. „Der Glaube ist ein Gehorsam, der wenigstens potenziell mit der menschlichen Vernunft übereinstimmen muss“, sagte er einmal. Grundsätze, die nicht zuletzt sein langes Wirken als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008 bestimmten.

In dieser Zeit vor allem erwarb Lehmann sich den Ruf, in dem er bis heute steht, nämlich ein „Glücksfall für die deutschen Katholiken“ zu sein, ein „Brückenbauer“, ein „Mann des Dialogs“, ein „Mann von unerbittlicher Friedfertigkeit“. Als solcher führte Lehmann auch nach dem Fall der Mauer die Katholiken aus Ost- und Westdeutschland zusammen, trat und tritt er unermüdlich für den Schutz des Lebens ein, gibt er nach wie vor Impulse für das ökumenische Gespräch. Und er nimmt, wie gerade in den letzten Tagen wieder deutlich wurde, kein Blatt vor den Mund, wo er seines Erachtens notwendige Reformen in seiner Kirche anmahnt oder politische Entwicklungen kritisiert, die ihm Sorge bereiten. So warf er jetzt den Ländern der EU, insbesondere den osteuropäischen, mangelnde Solidarität in der Flüchtlingsfrage vor, und er ließ mehr als deutlich seine Abneigung gegenüber der AfD erkennen.

Deutlich machte der Kardinal auch, dass er nichts von „Riesengemeinden XXL“ in seiner Kirche hält, dass es ein Ständiges Diakonat der Frau geben sollte, eine Priesterweihe von in Ehe und Beruf bewährten Männern (viri probati), eine engere Zusammenarbeit von Priestern und Laien – und dass er auf Papst Franziskus baut. „Die Starrköpfe sitzen an verschiedenen Stellen, und man kann nur hoffen, dass der Papst lange lebt und gesundbleibt“, so Lehmann. Für sein Selbstverständnis von besonderer Bedeutung ist das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). „Ich identifiziere mich mit meiner ganzen priesterlichen Existenz und in der Ausrichtung meines Dienstes daran. Ich könnte mich gar nicht denken ohne das Konzil“, sagt Lehmann. Für ihn ist das Konzil ein Prozess, der noch nicht zu Ende ist. „Das Feuer des Konzils“, davon ist der Kardinal überzeugt, „ist nicht erloschen.“

„Man darf sich durch Rückschläge nicht verdrießen lassen.“

Als Lehmann Anfang 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben wurde, galt dies als eine Sensation. Schließlich hatte es in den Jahren zuvor Meinungsverschiedenheiten mit Rom gegeben, nicht zuletzt in Sachen Schwangerenkonfliktberatung und in der Frage nach einer Zulassung zivil wiederverheirateter geschiedener Katholiken zur Kommunion. Übersehen worden war da von vielen – aber eben nicht von Johannes Paul II. – Lehmanns unverbrüchliche Loyalität zu Papst und Kirche. Als Mitglied des Kardinalskollegiums nahm Lehmann am Konklave im April 2005 teil, bei dem Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, und an dem im März 2013, das Papst Franziskus zu Benedikts Nachfolger wählte. Es darf angenommen werden: auch mit Lehmanns Stimme.

Franziskus, sagt Lehmann heute, lasse alle Diskussionen zu und wage neue Ansätze. Für den Kardinal ist nicht zuletzt von großer Bedeutung, dass der Papst mit seinem Schreiben „Amoris laetitia“ (Freude der Liebe) hinsichtlich des seelsorgerischen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen etwas in Bewegung gebracht hat, wofür sich Lehmann seit Jahrzehnten einsetzt. Für einen Umgang nämlich, der verschiedenen Lebenssituationen Rechnung trägt. Das Wichtigste, sagt Lehmann, sei „kämpfen, nicht aufgeben“. Und: „Man darf sich durch Rückschläge nicht verdrießen lassen.“

Peter de Groot/kna/rwm

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