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„Mutter aller Sozialenzykliken“

Rom. Oft ist der Kirche vorgeworfen worden, sie habe die Antwort auf die „Soziale Frage“ schlicht verschlafen. Vielen kam die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. zu spät. Vertreter aus Kirche und Verbänden haben jetzt die „Mutter aller Sozialenzykliken“, die gewürdigt, die vor 125 Jahren, am 15. Mai 1891.

Papst Leo XIII. Foto: Library of Congress

Papst Leo XIII.
Foto: Library of Congress

Als Nachfolger von Papst Pius IX. hat der 68-jährige, gesundheitlich angeschlagene Leo XIII. hat einen vitalen Start: Er steuert einen Kurs zur Öffnung gegenüber der modernen Welt und durchbricht die „Festungsmentalität“ der Kirche. Als ers­tes Ziel formuliert er die Aussöhnung von Kirche und Kultur. Mit seiner Enzyklika „Rerum novarum“ setzt er 1891 Maßstäbe in der kirchlichen Sozialverkündigung.
„Rerum novarum“ („Über die neuen Dinge“) ist das erste Papstschreiben zur Arbeiterfrage und das grundlegende Dokument der katholischen Soziallehre. Verfasst vor dem Hintergrund der Industriellen Revolution setzt es sich auf neue Weise mit den sozialen Verwerfungen von Sozialismus und Liberalismus auseinander.

Leo XIII. konnte freilich auf Vorarbeiten eines deutschen Bischofs aufsetzen. 1848, im selben Jahr, in dem Karl Marx das Gespenst des „Kommunistischen Manifests“ in Europa umgehen ließ, machte der „Bauernpastor“ Wilhelm Emmanuel von Ketteler erstmals mit Ausführungen zur „Sozialen Frage“ auf sich aufmerksam. Die Verelendung weiter Teile der Bevölkerung durch die Industrielle Revolution nannte er die „wichtigste Frage der Gegenwart“. Seine Predigten gingen damals wie ein Weckruf durch die katholische Welt. Leo XIII. ehrte Ketteler 1891, indem er ihn als seinen „großen Vorgänger“ bezeichnete.

In „Rerum novarum“ beklagt der Papst eine oft sklavenähnliche Lage der Arbeiterschaft. Zugleich wendet er sich aber gegen den Klassenkampf und plädiert für eine Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Er verteidigt das Privateigentum, betont jedoch dessen Sozialverpflichtung. Weitere zentrale Forderungen sind gerechte Löhne und staatlicher Schutz für Arbeitnehmer.

„Für alle Stände“

Was bereits sehr nach den Grundlagen unserer Sozialen Marktwirtschaft klingt, bedeutet freilich noch keineswegs auch ein Bekenntnis zur Demokratie. In seinem 23. Pontifikatsjahr packte der 90-jährige Papst mit der Enzyklika „Graves de communi re“ genau dieses „heiße Eisen“ an. Ihr konkreter Bezug liegt in Italien, wo die junge Generation der christlichen Organisation „Opera dei congressi“ aufbegehrte: Sie wollte sich nicht länger mit sozialen Aktivitäten und Werken begnügen, sondern christliche Partei sein.

Die Enzyklika erkennt die Arbeit der „christlichen Demokratie“ an. Der entscheidende Satz war allerdings: Leo XIII. warnt davor, den Begriff „christliche Demokratie“, der lediglich das „mildtätige christliche Handeln für das Volk“ bezeichnen könne, „in das Politische zu verdrehen“. Die Kirche sei für alle Stände da, habe aber auch die unteren nicht zu bevorzugen. Die Gründung einer katholischen Partei wie das deutsche „Zentrum“ wünschte Leo in Italien nicht.

Sein Urteil über die Demokratie: Sie sei zeitbedingt und vom theologischen Standpunkt aus weder besser noch schlechter legitimiert als andere Staatsformen; die Entscheidung darüber sei eine politische, keine Glaubensfrage. Sei allerdings die politische Macht einmal installiert, sei sie um des Gemeinwohls willen zu akzeptieren. Damit beantwortet Leo allerdings auch die Frage, ob der Katholik Monarchist sein müsse, eindeutig mit Nein.

Mit diesen beiden Lehrschreiben hat Leo XIII. Marksteine der päpstlichen Soziallehre gesetzt. Wie prägend vor allem „Rerum novarum“ war, belegt, dass sich gleich mehrere Sozialenzykliken schon mit ihrem Titel darauf rückbeziehen: so etwa „Quadragesimo anno“ („Im 40. Jahr“; 1931) von Pius XI. oder „Centesimus annus“ („Das 100. Jahr“; 1991).

Zunächst war letzteres Schreiben von Johannes Paul II.  tatsächlich vor allem als eine Erinnerung an die allererste Sozialenzyklika geplant. Doch dann kam 1989 der von dem polnischen Papst so erhoffte Sturz des Sozialismus dazwischen. Mit „Centesimus annus“ reagierte Johannes Paul II. auf die neue Lage. Dem geistigen Vakuum und dem erwarteten kapitalistischen Konsumismus in den Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas hielt er den bewährten Geist der katholischen Soziallehre entgegen.

KAB Bundespräses Johnannes Stein. Foto: KAB

KAB Bundespräses Johnannes Stein. Foto: KAB

Der Bundespräses Der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Johannes Stein (Foto) hat die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ zu ihrem 125-jährigen Jubiläum gewürdigt. „Mit ihr wird erstmals in der Geschichte der Kirche die soziale Frage aufgeworfen, der sich der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler fast 40 Jahre zuvor angenommen hatte“, so Stein. Eng verbunden mit einem Zusammenschluss der Arbeiter sei die Machtfrage, „der Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der bis in die Gegenwart besteht“.

„Die Machtfrage und Verteilungsgerechtigkeit durchziehen die päpstlichen Lehrschreiben bis ,Laudato si‘, mit dem sich Papst Franziskus heute an die Sozialgruppen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen wendet. Franziskus setzt den Schrei der Erde mit dem Schrei der Armen gleich und macht so die Umweltfrage zur sozialen Frage des 21. Jahrhunderts“, erklärte Stein.
Auch die KAB habe diese sozialökologische Frage in ihrem Würzburger Beschluss „Fair teilen statt sozial spalten – Nachhaltig leben und arbeiten“ in die Gesellschaft hineingetragen.

Denn die ungelöste Machtfrage bleibe bestehen. Stein: „Die Industriestaaten verbrauchen den Großteil der Rohstoffe, gleichzeitig leiden die Völker des Südens unter dem Klimawandel und über 80 Prozent des Kapitals liegen in den Händen von einem Prozent der Erdbevölkerung.“ Zu Recht mahne Franziskus an, die Erdengüter ein globales Gemeinschaftsgut seien.

Für Stein steht fest: „Vor diesem Hintergrund und der Gefahr, dass das „gemeinsame Haus“ zerstört wird, bleibt die Auseinandersetzung mit der Mutter der Sozialenzykliken aktueller und wichtiger denn je.“ Besonders Sozialverbände wie die KAB, Kolping oder BDKJ seien aufgefordert, „die Zeichen der Zeit zu erkennen“ und im Sinne des Dreischritts „Sehen – Urteilen – Handeln“ Lösungen zu erarbeiten und in die Gesellschaft zu wirken.

„Mit seinem Soziallehreschreiben nahm Papst Leo XIII. eine versöhnende Rolle im Konflikt zwischen Liberalismus und Sozialismus sowie zwischen Kapitalisten und Proletariern ein. Er forderte von den Katholiken einen eigenen dritten Weg zwischen den Extremen und wurde so zum Vorreiter der Sozialen Marktwirtschaft als Antwort auf einen ungezügelten Kapitalismus“, erklärte Thomas Dörflinger, der Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes Deutschland.

Papst Johannes XXIII. hat erklärt, dass „die Soziallehre der katholischen Kirche ein integrierender Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen ist“. Thomas Dörflinger: „Sie ist heute so aktuell wie damals und gibt mit den Prinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität Orientierung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie für alle Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik.“

rwm/kna

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