Der andere Blick

Christlich-entwicklungsorientierte Banken stellen über Fonds georgischen Mikrofinanzinstitutionen das Geld für kleine Kredite zur Verfügung. Die Bank im Bistum ist unter den zehn größeren deutschen Mikrofinanzinvestoren eines der führenden Geldinstitute.
BIB-Kundin

Foto: Wilmes

„Als Georgierin wollte ich 1992 in der weiterführenden Schule unbedingt Deutsch lernen. Damals auf dem Schulhof haben viele darüber noch gelächelt.“ Reiseführerin Chatuna Oniaschwili führt gerade Bankfachleute und deren Kunden auf einer Busreise durch Georgien. Und sie ist stolz auf die heute selbstständige ehemalige Sowjetrepublik, die sie sich 25 Jahre nach dem Umbruch entschieden weltoffen wünscht. Um solche Beziehungen auch wirtschaftlich zu entwickeln, gibt es zunehmend mehr Investoren aus dem Ausland, die keineswegs Großprojekte und Investments mit schnell erhoffter Rendite fördern, sondern nachhaltige und ethische Investitionen für Kleinst-Unternehmer und ihre Startups. „Was wir brauchen“, sagt Oniaschwili, „ist Frieden, sind verlässliche Beziehungen zu den Völkern der Region, hier südlich der russischen Grenze sowie zur offenen Welt. In schwieriger, aber keineswegs perspektivloser Situation seien der Glaube neu, aber auch Kultur und Solidarität gefragt.

Immerhin müssen Rentner in Georgien mit 150 Lari (70 Euro) monatlich auskommen. Im Agrarland Georgien gibt es zudem Arme ohne Beschäftigung und Selbstversorger und damit inoffiziell 50 Prozent Menschen ohne einen Bares bringenden Job. Die Investments christlich-entwicklungsorientiert arbeitender Banken, wie etwa der genossenschaftlich organisierten Essener Bank im Bistum (BiB), und ihrer Kunden funktionieren in dieser Situation im Netzwerk mit weltweit aufgestellten Fonds so, dass die von der Bank gegründeten Fonds georgischen Mikrofinanzinstitutionen das Geld für kleine Kredite zur Verfügung stellen. Die Institute im Land geben dann das Geld kleinen selbstständigen Endkunden in Krediten schon ab 50 Euro weiter. Die Reisegruppe aus ganz Deutschland besucht in diesem Zusammenhang mit Oniaschwili auch selbstständige Frauen, eben Endkunden auf Märkten, und sah in acht Tagen die Hauptstadt Tiflis, den bis zu 5100 Meter hohen Kaukasus und die Schwarzmeerstadt Batumi.

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe 41/2016 am 16. Oktober erschienen. Ihnen gefallen unsere Themen? Unsere ausführliche Berichterstattung gibt es gedruckt: Hier geht es zum bequemen Print-Abo!

Prägend im Bild des seit über 1700 Jahren christlichen Landes sind orthodoxe Kirchen und Mönche sowie schlossartige Festungen, dazu Weinbau und die über 2500 Jahre alte Geschichte des Landes an der Seidenstraße. Für die BiB-Gruppe waren auch einzelne, gut übersetzte Gespräche mit Georgiern wertvoll: „Menschen investieren persönlich viel in die Zukunft ihrer Familien. Das ist wirtschaftlich wie persönlich ein lang anhaltender, bei weitem noch nicht beendeter Kampf“, zieht eine BiB-Kundin ihre Bilanz.

Nach rund 15 Jahren Überlebenskampf des Landes seit der Loslösung von der Sowjetunion, nach innergeorgischen Bürger- und Separationskämpfen und der Konfrontation mit Flüchtlingsströmen sind jetzt im Bild von Städten und Dörfern weiterführende Entwicklungen sichtbar. Die Menschen können jetzt das tägliche Auskommen auch durch gegenseitige Unterstützung der Generationen bewältigen. Zugleich zeigen aber abbröckelnde Fassaden schöner Häuser der 1920er-Jahre und leerstehende Hausruinen, dass sie erst in vielen Jahren und vor allem erst nach und nach die Mittel für schöne und einfache Wohnungen haben werden.

„Dies entspricht unserer Nachhaltigkeitsstrategie und unserer Geschäftspolitik im Bereich der ethisch-nachhaltigen Geldanlage“

Mikrofinanz, erläutert Michael P. Sommer, Direktor für Ausland und nachhaltige Investitionen bei der Bank im Bistum Essen, sei als „social business“ auch bereits seit 150 Jahren in der deutschen Genossenschaftbewegung zu finden. Seit 2006 wurden diese Investments weltweit vor allem durch die Vergabe des Friedensnobelpreises an den Wirtschaftsprofessor Mohammed Yunus und die Grameen-Bank (Bangladesh) bekannt. Die Essener Bank ist unter zehn größeren deutschen Mikrofinanzinvestoren eine der führenden. Sie hat mit ihren Kunden aktuell 190 Millionen Euro in drei Mikrofinanzfonds investiert. In den vergangenen Jahren gingen von Essen aus Kredite von über 400 Millionen Euro in alle Welt. „Dies entspricht unserer Nachhaltigkeitsstrategie und unserer Geschäftspolitik im Bereich der ethisch-nachhaltigen Geldanlage“, sagt Sommer. Es gehe bei Mikrofinanz-Produkten darum, wirtschaftlich anders zu agieren als mit dem Blick nur auf schnelle Gewinne an der Börse. Risiken eines Engagements in Ländern von Bolivien über den Senegal und Aserbaidschan bis hin zu den Philippinen werden dabei laufend geprüft und ständig neu bewertet. Dazu hat die Bank eigens ein Prüfsystem aufgebaut.

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe 41/2016 am 16. Oktober erschienen. Ihnen gefallen unsere Themen? Unsere ausführliche Berichterstattung gibt es gedruckt: Hier geht es zum bequemen Print-Abo!

Eine der georgischen Endkundinnen, die die Deutschen besuchen, ist Nora Qarchvala. Am gemieteten holzgedeckten Stand mit Wellblech-Wänden verkauft sie in der Hauptstadt Tiflis unweit einer großen Ausfallstraße Obst und Gemüse. „Hier lohnt es, mit Hilfe meines Kleinkredits das Sortiment auf mehr als nur Tomaten und Zucchini auszuweiten“, erklärt die 56-jährige, warum sie mithilfe eines 1000-Lari-Jahreskredits (400 Euro) ihr Angebot auch auf Mirabellen, Äpfel, Cranberrys und sogar Eis aus einer gemieteten Truhe ausbaute. Dafür arbeitet die Mutter dreier erwachsen gewordenen Kinder 120 Kilometer von ihrer Heimat, an sechs Werktagen jeweils 15 Stunden – von morgens sieben bis abends um zehn. „Wenn mein Mann dauerhaft krank bleibt, werde ich hier hoffentlich noch zehn Jahre gut verdienen“, sagt die sechsfache Oma. Gott sei Dank sorgen die Töchter zu Hause auch durch Eigenanbau für ausreichend Nachschub am Tifliser Straßen-Shop.

Ortswechsel nach Kutaissi. Auf dem Markt der mit 200000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Georgiens verkauft Kartoffelhändlerin Iva Gumberidze (65) ihre Waren. Mit einer Marschrutka, dem georgischen Nahverkehrs-Minibus, hat sie am Morgen alles zum Marktverkauf wenige hundert Meter vom Theater der alten Königsstadt entfernt gebracht. Der 500 Lari-Jahreskredit, den sie bis 2017 zusammen mit den Zinsen in Raten von insgesamt 620 Lari (knapp 250 Euro) zurückzahlen muss, gibt der Witwe 20 Jahre nach dem Tod ihres Mannes und drei Jahre nach dem ersten Vertrag mit den Mikrofinanz-Fachleuten des Instituts Crystal Sicherheit.

„Wir müssen heute als mittlere, zuweilen gut ausgebildete Generation viele Lasten tragen“

„Mit dem Kredit bin ich sehr, mit dem Kartoffel-Umsatz weniger zufrieden“, antwortet die Marktfrau in ihrer traditionellen georgisch schwarzen Trauertracht Wochen nach dem Tod auch ihres Neffen. „Neue Produkte“, erklärt sie im Gegensatz zu ihrer jüngeren Kollegin aus Tiflis, „kommen für mich hier nicht in Betracht.“ Vielleicht kann sie sich irgendwann trotz ihrer nur kleinen Rente mit der Unterstützung der Töchter den Ruhestand leisten.

Zurück zu Reiseführerin Oniaschwili. „Wir müssen heute als mittlere, zuweilen gut ausgebildete Generation viele Lasten tragen“, sagt die 35-Jährige. Für Bildung aufkommen, den wirtschaftlichen Anschluss an Europa erarbeiten und zugleich Bedürftige, Land und die Familie nicht alleinlassen, das sind ihre Ziele. Mikrofinanz-Investitionen, über die sie jetzt Detaillierteres weiß, seien gut für die Menschen. „Solches und anderes Engagement muss mit ihnen und für sie weitergehen.“ Die Deutschlehrerin nennt auch das Pipeline-Projekt mit Aserbaidschan, den Aufbau von Zulieferindustrien und kulturelles, kirchliches und soziales Engagement. „Das lohnt“, sagt die Mutter einer fast zweijährigen Tochter. Schließlich sei Georgien nicht nur eigenständig. „Wir sind auch ein lebensfrohes sowie landschaftlich und kulturell großartiges Land.“ Das sollten nach dem Papstbesuch Anfang Oktober viele Prominente, Politiker, Wirtschaftsfachleute wie auch Touristen erfahren. “

Ulrich Wilmes

Stichwort: Mikrofinanz

Weltweit gibt es derzeit geschätzt 150 bis 200 Millionen Mikrokreditnehner. Sie haben bei ihren örtlichen Instituten rund 70 Milliarden US-Dollar, aufgeteilt in kleine und (bei wirtschaftlichem Fortschritt) anwachsende Kredite, geliehen. Was deutsche Investoren angeht, ist die Bank im Bistum Essen (BiB) als einzige mit eigenem Knowhow in vielen Ländern der Welt bei Mikrofinanz-Instituten engagiert. In anderen Ländern gibt es die amerikanische FINCA International mit weltweiten Niederlassungen sowie den niederländischen Verein Oikocredit, der mit einen ökumenisch engagierten Kundenkreis auch über deutsche Regional-Niederlassungen aktiv ist. Weitere Investments dieser Art laufen über Institute z. B. in Belgien und in der Schweiz. In Georgien haben BiB-Kunden zum auch bei FINCA in Mikrofinanz und für deren ihre ländliche Kunden investiert.

In aller Munde waren Mikrokredite 2006 auch aufgrund der Vergabe des Frieensnobelpreises an Mohammed Yunus und die Grameen Bank. Sie überzeugten die Fachwelt und an der Entwicklungszusammenarbeit int­eressierte Menschen zudem aufgrund der ho­hen Rückzahlungsquoten bei ihre Darlehen an über­wiegend arme Frauen. Yunus hatte ge­zeigt, dass Geldtransfer und der Geldrücklauf auch im Geschäft mit zuvor mittellosen Klein­unternehmern funktioniert. Oft waren die Frau­en vor Ort auch durch freiwillige gegenseitige Haftung in Zehner- oder anderen Gruppen mit­einander als Kreditnehmer verbunden. Was Georgien angeht, gibt es solche Kreditgruppen heute nicht mehr.

uw

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe 41/2016 am 16. Oktober erschienen. Ihnen gefallen unsere Themen? Unsere ausführliche Berichterstattung gibt es gedruckt: Hier geht es zum bequemen Print-Abo!

Neues Ruhr-Wort

Kostenfrei
Ansehen