Bundestagspräsident Lammert ärgert sich über anhaltende Kirchenspaltung

Norbert Lammert
Foto: Christian Schnaubelt

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat großes Unverständnis für die anhaltende Spaltung der Kirchen bekundet. Er könne „keinen einzigen relevanten Glaubensunterschied erkennen, der eine Wiederherstellung der Einheit verhindern könnte“, sagte er am Samstag in Bochum. Er glaube nicht, dass das unterschiedliche Amts- und Kirchenverständnis eine Trennung begründen könne.

Lammert äußerte sich zum Auftakt eines ökumenischen Festes, zu dem die beiden großen Kirchen anlässlich des Gedenkens an die Reformation vor 500 Jahren eingeladen haben. In Anwesenheit des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, warf er den Konfessionen ein „Selbstbehauptungsbedürfnis“ vor. Lammert zeigte sich verärgert, dass nach wie vor kein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten erlaubt sei: „Nirgends ist Christen der verheißene Himmel näher auf Erden als im vom Christus gestifteten Abendmahl, zu dem Er einlädt, nicht die Kirchen“, rief der Bundestagspräsident unter großen Beifall von rund 750 Zuhörern im RuhrCongress.

Zugleich lobte Lammert „die völlig neue Tonlage im Umgang der Konfessionen miteinander“ im laufenden Reformationsjahr. Dies unterscheide 2017 von allen anderen Reformationsjubiläen. Allerdings dürften sich die Kirchen in diesem angenehmen Zustand nicht einrichten. Der Begriff „versöhnte Verschiedenheit“ als Ergebnis für die ökumenische Annäherung sei „eine verdeckte Kapitulationserklärung“.

Mit Blick auf das Christentum sagte der Katholik und CDU-Politiker, dass viele Menschen die von den Kirchen vertretenen Werte teilten. Gleichzeitig wachse eine Distanz zu den Konfessionen als Institution. Dies liege aber nicht am Glaubensverlust, sondern am Machtstreben der verschiedenen Kirchen. Ökumene könne nicht allein von den Kirchenleitungen erwartet werden, sondern müsse „von unten kommen“.

Marx bekundete bei einer Pressekonferenz am Rande der Konferenz Verständnis für den Wunsch nach Einheit. Er warnte aber vor einem „überzogenen Zeitdruck“ beim Bemühen, eine sichtbare Einheit herzustellen. Zugleich wandte sich der Kardinal gegen den Begriff „Kirchenspaltung“. Die Konfessionen seien weit darüber hinaus, auch wenn sie nicht vollkommen übereinstimmten.

Bedford-Strohm wies Lammerts Kritik an der Formulierung „versöhnte Verschiedenheit“ zurück. Unter diesem Begriff seien unierte, reformierte und lutherische Christen zur evangelischen Kirche zusammengewachsen.

Zum Konferenzauftakt betonten die Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Thomas Sternberg und Christina Aus der Au, dass sich beide Konfessionen mehr gemeinsam gesellschaftspolitisch engagieren wollten. Ähnlich äußerten sich Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und die westfälische Präses Annette Kurschus als Gastgeber. ZdK, Kirchentag, EKD und Bischofskonferenz sind Veranstalter des Kongresses.

Andreas Otto (kna)

 

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