„Da springt was über“

Krippenspiel in der St-Ludgerus-Kirche in Gelsenkirchen-Buer. (Archivfoto: Klaus Huesmann-Schilde)

Seit Wochen habe sie fleißig ihre Texte gelernt. Am Samstagnachmittag traffen sie sich noch einmal – Hirten, Engel und vor allem die Heilige Familie. Zur Generalprobe. Weit mehr als 30 Mitwirkende beteiligen sich in der Gemeinde St. Ludgerus in diesem Jahr wieder am Krippenspiel, das am Heiligen Abend um 16 Uhr aufgeführt wird. Und dann dürfte es in der denkmalgeschützten Kirche an der Horster Straße 122, die architektonisch zu den schönsten im Gelsenkirchener Stadtgebiet zählt, wohl auch wieder sehr voll werden. Neues Ruhr-Wort sprach mit Gemeindereferentin Lucia van den Boom über die Bedeutung des Krippenspiels, wie es an vielen Orten Tradition ist. Die 57-Jährige leitet seit drei Jahren die Gemeinde St. Ludgerus und ist zugleich Diözesansprecherin der Gemeindereferentinnen und -referenten im Bistum Essen.

Frau Van den Boom, welche Erfahrungen haben Sie mit Krippenspielen gemacht, und welche Bedeutung hat es heutzutage noch?
Lucia van den Boom: Ich bin jetzt in der fünften Gemeinde tätig. Überall gab es Krippenfeiern, und überall waren die Kirchen voll. Daran hat sich im Laufe der Jahre kaum etwas geändert, obwohl die Kirchen, wie wir ja alle wissen, allgemein leerer werden. Ein Krippenspiel hat in vielen Gemeinden eine feste Tradition. Und es ist für alle immer etwas Besonderes.

Inwiefern?
Lucia van den Boom: Es finden sich immer Menschen, die mithelfen, dass es gelingt. Väter werden zu Beleuchtern oder helfen beim Aufbau. Omas nähen Kostüme. Auch solche, die sonst vielleicht weniger aktiv sind: Eltern, auch Großeltern, Leute aus der Gemeinde, die bereit sind mitzumachen, damit es gelingt.

Und für Sie?
Lucia van den Boom: Ich bin seit 30 Jahren Gemeindereferentin, und so lange mache ich Krippenspiele. Es ist jedes Jahr ein Gewinn. Man schenkt wirklich Freude durch dieses Spiel.

Was leistet ein Krippenspiel für die Menschen und den Glauben?
Lucia van den Boom: Ein Krippenspiel setzt kindgerecht um, worauf es Weihnachten ankommt: Gott wird Mensch. Er kommt den Menschen ganz nahe, die am Rand stehen, den Hirten. Die Verkündigung der frohen Botschaft mitten in die dunkle Welt bringt Licht, Wärme und Nähe. Bei uns in der Gemeinde ist das Krippenspiel fest mit unserem Konzept der Kommunionvorbereitung verbunden. Hier lernen die Kinder, den Glauben zu verkünden, lernen, dass das, was in der Bibel steht, unser Auftrag ist: Geht in die Welt und verkündet das Evangelium. Diese frohe Botschaft geben wir den Kommunionkindern schon mit: Ihr seid fähig das Evangelium zu verkünden! Aber auch Kindergartenkinder wirken schon mit.

Was erwarten die Leute, die in die Kirche kommen?
Lucia van den Boom: Sie möchten in der Regel das klassische Krippenspiel sehen, wo deutlich wird: Es geht um Jesus, ein Kind das geboren wird, uns nahe ist. Und das berührt. Bei einem Krippenspiel springt etwas über.

Wie erklären Sie sich das?
Lucia van den Boom: Das liegt sicherlich auch an dieser familiären Situation, die unserer Sehnsucht entspricht: Jeder Mensch möchte geliebt sein von Mutter und Vater – egal, wie arm man ist. Da ist eine Familie, die zusammenhält. Das ist das, was wir brauchen. Und dann wird Frieden verkündet den Menschen. Das lässt uns hoffen. Das gibt uns Zuversicht – den Großen und den Kleinen. Weihnachten gibt nach wie vor vielen Menschen eine Hoffnung. Da fühlen sich die Menschen verstanden und richtig in der Kirche. Ich finde es wirklich großartig, dass wir die Menschen so erreichen, sie da abholen können, ihnen zeigen: Ihr seid eingeladen. Eure Situation findet ihr wieder in der Kirche: Gott ist da, er ist für Euch. Er will Leben schenken. Er will euch Liebe schenken. Er will euch Frieden schenken.

Interview: Boris Spernol
Neues Ruhr-Wort

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