Liturgiewissenschaftler warnt vor übereilten Kirchenschließungen 

Symbolbild (Foto: pixabay)

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards hat die Kirchen vor voreiligen Schließungen ihrer Gotteshäuser gewarnt. Sakralgebäude ausschließlich unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis zu sehen, greife „zu kurz“, sagte er der in Essen erscheinenden „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (Mittwoch). Oft würden längst nicht alle Möglichkeiten ausgereizt, um eine Schließung zu verhindern, kritisierte Gerhards und mahnte ein Umdenken an.

Eine Kirche habe immer auch einen immateriellen Wert als „identitätsstiftende Raummarke“ für die Menschen vor Ort. „Architektur, Lichtführung, christliche Symbole, eine Kirche hat eine ganz spezielle Atmosphäre“, so der Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. „Deshalb schätzen sogar Menschen, die der Kirche eigentlich fern stehen, das Gotteshaus in ihrem Ortsteil.“

Daher sollten die Verantwortlichen lieber über eine Nutzungserweiterung nachdenken, sich etwa für Kunst und Kultur öffnen oder Kooperationen mit karitativen Einrichtungen eingehen, erklärte Gerhards. „So etwas kann auch zur langfristigen Finanzierung des Gebäudes beitragen.“ Dabei gehe es nicht um eine komplette Zweckentfremdung, doch müsse man „auch mal etwas wagen“. Sinnvoll sei dazu Unterstützung von außen. „Vereine und Initiativen im Stadtteil müssten sich oft mehr engagieren“, so der Professor.

Gerhards äußerte sich auch mit Blick auf das vor 60 Jahren gegründete Bistum Essen, in dem aufgrund zurückgehender Mitgliederzahlen seit 2006 – teils gegen heftige Widerstände – 259 Gemeinden zu 43 Großpfarreien verbunden wurden. Zudem mussten 100 Kirchen aufgegeben werden; weitere Schließungen sollen folgen. „Wenn, wie im Bistum Essen, nicht genügend Geld da ist, müssen manche Gotteshäuser leider geschlossen werden“, räumte Gerhards ein. „Aber jeder Einzelfall muss genau abgewogen werden.“ Für die Gläubigen sei der Verlust ihrer Kirche „ein äußerst schmerzhafter Prozess“. Häufig würden bei Gemeindezusammenlegungen andere Kirchen als Ersatz nicht akzeptiert. „Viele der alten Kirchgänger gehen da nicht mehr hin“, berichtete Gerhards aus Untersuchungen der vergangenen Jahre. Daher sei ein Umdenken bei dem Thema erforderlich. „Noch ist es nicht zu spät“, sagte der Wissenschaftler.

kna

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