Rücktritt von Benedikt XVI: „Akt der extremen Distanzierung“

Papst Benedikt XVI. (Foto: © Mario Bonotto | Dreamstime.com)

Warum trat Benedikt XVI. (2005-2013) vor fünf Jahren vom Papstamt zurück? Nach Einschätzung des Historikers Volker Reinhardt (63) war der Rücktritt „ein Akt der extremen Distanzierung von den Zuständen der Kirche“. Reinhardt, Historiker an der Universität Fribourg in der Schweiz, hat maßgebliche Bücher über die Päpste, die Kirche und Italien verfasst. Im Interview begründet er in Fribourg seine These.

Herr Professor Reinhardt, wie bewerten Sie als Historiker den Amtsverzicht Benedikts XVI. vor fünf Jahren?

Reinhardt: Das war eine echte Sensation. Einen wirklich freiwilligen Rücktritt hat es zuvor über sieben Jahrhunderte nicht gegeben. 1294 trat Coelestin V. zurück, nach nur einem halben Jahr im Amt. Die Nachricht schlug dann ja auch ein wie eine Bombe. Dass Könige und Königinnen zurücktreten, ist inzwischen ja üblich geworden, auch weil die Menschen immer älter werden. Aber der Rücktritt eines Papstes erschien wie ein Tabubruch, weil ihn viele nicht mit dem Amt assoziierten. Dabei ist ein solcher Rücktritt im Kirchenrecht durchaus vorgesehen ist, wenn er freiwillig vollzogen wird. Und natürlich ging dann sofort die Suche nach den Gründen los.

Was scheint Ihnen am plausibelsten?

Reinhardt: Die einzig sichere Quelle, die wir haben, ist seine Rücktrittserklärung vom 11. Februar: Er beruft sich da auf seine zunehmend körperliche und geistige Schwäche. Was seine geistige Schwäche betrifft: Das stimmt einfach nicht. Auch acht Jahre nach seinem Rücktritt ist er auf der Höhe seines Intellekts. Die körperliche Schwäche darf man eigentlich nicht als Grund für einen Rücktritt in Anspruch nehmen. Das hat Johannes Paul II. ja eindrucksvoll bewiesen, der schwer krank im Amt geblieben und schließlich auch als Papst gestorben ist.

Also?

Reinhardt: Ich glaube, dass er damit an den freiwilligen Rücktritt Coelestins V. anknüpft. Dieser Papst lebte zuvor jahrzehntelang als Einsiedler und war der Meinung, dass die Führung seines Amtes nicht mit seinem Seelenheil vereinbar war. Er wusste, dass er nicht der Global Player war, den es an der Stelle brauchte. Für mich ist auch der Rücktritt von Benedikt XVI. ein Akt der extremen Distanzierung von den Zuständen der Kirche – und ein Eingeständnis, dass er die Kirche nicht so führen kann, wie es nötig wäre.

Woran machen Sie das fest?

Reinhardt:Benedikt XVI. knüpfte sehr bewusst an sehr viel ältere Traditionen an; das wurde schon durch seine Namenswahl klar. Er wollte eine Kirche mit einem klar dogmatischen Profil, eine kämpferische Kirche, die auch ihren Vorrang vor anderen Kirchen betont. Er wollte an die Traditionen des 16. und 17. Jahrhunderts anknüpfen; und als er sich eingestehen musste, sich damit nicht durchsetzen zu können, war für ihn klar, dass er zurücktreten musste. Schon 2009 hatte sein Besuch am Grab von Papst Coelestin in den Abruzzen für Aufsehen gesorgt. Er verweilte dort damals sehr lange und betete. Das hat für viele Spekulationen gesorgt.

Hat dieser Rücktritt dem Papstamt geschadet – oder hat es möglicherweise eine Tür für seine Nachfolger geöffnet?

Reinhardt: Ich möchte mir nicht anmaßen zu beurteilen, ob es dem Amt geschadet hat oder nicht. Wenn meine ausgeführte These richtig ist und Benedikt das Amt nicht mehr mit seinem Seelenheil vereinbaren konnte, dann war es sicher ein individueller, unwiederholbarer und einzigartiger Entschluss, der für andere Päpste weder verbindlich noch folgenreich ist. Wenn eine andere These richtig ist, die auch im Raum steht, dass der Papst damit das Amt vermenschlichen wollte, dann hätte es sicher auch Konsequenzen für seine Nachfolger. Ich bin allerdings kein Verfechter dieser These.

War denn eine Altersgrenze für einen Papst in den vergangenen Jahrhunderten überhaupt mal Thema innerhalb des Vatikan?

Reinhardt: Eigentlich nicht. Das hängt aber auch vor allem damit zusammen, dass sich die Frage aus rein biologischen Gründen gar nicht stellte. Die Menschen wurden einfach nicht so alt. Wenn ein Papst bettlägerig wurde, führten einfach Kardinäle im Vatikan die Amtsgeschäfte weiter.

Auch Päpste können heute natürlich sehr viel älter werden.

Reinhardt: Dass es einen amtsführenden Papst geben könnte, neben dem es mehrere emeritierte Päpste gibt, die dann quasi wie in einem Aufsichtsrat sitzen, kann ich mir nicht vorstellen. Letztlich ist das auch mit der Legitimation des Papstamtes nicht vereinbar.

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Von Birgit Wilke (KNA)

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