„Digital Detox“: Leerlauf ins Leben bringen

 Zur Fastenzeit die digitale Auszeit proben und dem Dauerdruck durch Smartphone und Co. entgegenwirken

Rund 80 Mal am Tag entsperrt der durchschnittliche Nutzer sein Smartphone. WhatsApp-Gruppen, Eilmeldungen, berufliche Mails – irgendetwas passiert auf dem kleinen Alleskönner fast immer. Beinahe zeitgleich mit der massenhaften Verbreitung von Smartphones ist auch der Gegentrend entstanden: Unter dem Begriff „Digital Detox“ versuchen Menschen gezielt, vorübergehend die Stopptaste zu drücken – und auf Smart­phone und Co. zu verzichten. In den USA gibt es inzwischen „Digital Detox Camps“ in der Natur, deren Teilnehmer ein regelrechtes Entzugsprogramm durchlaufen.

In Deutschland ist die digitale Entgiftung bislang wenig populär: Nach einer kürzlich vorgestellten Umfrage des Hilfswerks Misereor hat zwar ein Drittel der Deutschen schon einmal gefastet. Die Befragten verzichteten oft auf Alkohol (48 Prozent), dicht gefolgt von Süßigkeiten (47 Prozent) und Fleisch (30 Prozent). Auf den Computer oder das Handy wollen die Deutschen aber offenbar kaum verzichten – nur 7 Prozent der Befragten ließen die Finger von digitalen Geräten. Sieben Wochen ohne Internet: Das muss nach Einschätzung von Iren Schulz, Mediencoach der Initiative „schau hin!“, gar nicht unbedingt sein. Für viele Menschen sei es schon aus beruflichen Gründen kaum möglich, auf alles Digitale zu verzichten. „Das Entscheidende ist, ein Maß zu finden.“

Immer mehr Leuten wird nach Schulz’ Einschätzung der permanente Druck bewusst, den das Smartphone – bei allen positiven Errungenschaften – mit sich bringt. „Vielen fällt zum Beispiel im Urlaub oder an Feiertagen auf, dass sie dauerhaft in einer Art Standby-Modus sind“, so die Expertin. Das hänge damit zusammen, dass die verschiedenen Alltagswelten – Job, Familie, Freundeskreis – ständig miteinander kollidierten: Nach Feierabend werden noch berufliche Mails gecheckt, zur Arbeitszeit trudeln private Chatnachrichten ein. Das Phänomen betrifft laut Schulz verschiedene Alters- und Berufsgruppen, insbesondere aber Erwachsene, die in anspruchsvollen Jobs arbeiten und nebenher die Familie „managen“. Sie schildern oft das Gefühl, keine Auszeiten mehr zu haben. „Leerlaufzeiten sind verloren gegangen“, erklärt sie. „Langeweile gibt es gar nicht mehr. Jede ,leere‘ Situation füllen wir sofort, indem wir auf dem Smartphone herumwischen – ob bewusst oder unbewusst.“

Für Reizarmut, Ruhe und Stille sorgen

Dabei, so formuliert es der Psychiater Christian Dogs: „Langeweile ist genial.“ In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichtete er kürzlich von einem Wochenendseminar, das er geleitet hat: Zunächst hätten die Teilnehmer ungeduldig auf den Programmbeginn gewartet. „Die sind verrückt geworden, haben mich beschimpft: Was ist das für ein Depp, wofür kriegt der sein Geld?“ Erst nach einem ganzen Tag hätten die Teilnehmer die Umwelt erkundet, sich unterhalten und gelacht. „Die Einsicht, dass weniger im Leben mehr ist, kos­tet manchmal viel Geld“, so Dogs.

Sich ein Wochenende komplett abzuschirmen, mag manchem zu radikal erscheinen. Schulz rät zu kleinen Schritten. „Das Smartphone ist für uns Uhr, Wecker, Kalender, Fotoapparat, Abspielgerät für Musik, Navigationsgerät, Taschenlampe. Viele dieser Funktionen kann man wieder auslagern.“ Wenn das Smartphone zum Beispiel nachts im Flur liege statt am Bett, entzerre das schon deutlich. Psychiater Dogs empfiehlt, nicht sofort aufs Handy zu schauen, wenn man von der Arbeit kommt: „Kommen Sie erst einmal zu Hause an. Sie brauchen Reizarmut. Ruhe. Stille. Setzen Sie sich ans Fenster und schauen Sie raus.“

In der Familie könnten gemeinsame Hausregeln helfen, meint Schulz. Unter Freunden könne man es durchaus ansprechen, wenn die Smartphone-Nutzung das Beisammensein überlagert. „Beim Essen liegt das Smartphone inzwischen selbstverständlich neben dem Besteck.“ Und auch in anderen Situationen häufe sich unangebrachtes Handyklingeln: in der Oper, manchmal sogar auf Beerdigungen. Insofern ist „Digital Detox“ vielleicht doch eine Idee für die kommende Fastenzeit: Laut der Misereor-Umfrage will rund ein Viertel der Deutschen beim Fas­ten die eigenen Gewohnheiten infrage stellen und Veränderungen im eigenen Leben anstoßen.

Paula Konersmann (kna)

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