Essener Tafel sucht mit „Rundem Tisch“ nach Lösungen

(Foto: Tafel Deutschland e.V./Dagmar Schwelle)

Nach massiver Kritik an ihrer Ausgabe-Praxis will die Essener Tafel mit der Stadt Essen einen „Runden Tisch“ gründen. Dieser soll nach Angaben der Stadt vom Dienstag dazu beitragen, dass Lösungsansätze erarbeitet werden, damit die Tafel ihre Zielgruppen bestmöglich erreicht. Zum „Runden Tisch“ würden Wohlfahrtsverbände und Migrantenorganisationen eingeladen, hieß es. Der Beschluss für den „Runden Tisch“ fiel nach den Angaben bei einer Vorstandssitzung der Tafel, an der Vertreter der Stadt sowie des Bundes- und Landesverbandes der Tafeln teilnahmen. Die Beteiligten seien sich einig gewesen, dass im Fokus der Essener Tafel ganz besonders Alleinerziehende, Familien mit minderjährigen Kindern und Senioren stehen. Der „Runde Tisch“ werde sich innerhalb der kommenden zwei Wochen konstituieren.

Weil der Anteil nicht-deutscher Klienten auf drei Viertel angestiegen ist, nimmt die Essener Tafel derzeit nur noch Deutsche als Neukunden auf. Durch Flüchtlinge und Zuwanderer seien ältere Tafel-Nutzerinnen und Alleinerziehende einem Verdrängungsprozess zum Opfer gefallen, so die Begründung. Diese Entscheidung war auf Widerspruch bei anderen Tafeln und in der Politik gestoßen, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Merkel hatte sich am Montagabend besorgt über die Situation bei der Essener Tafel geäußert. „Ich glaube, da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen“, sagte sie im Sender RTL. „Das ist nicht gut, aber es zeigt auch den Druck, den es gibt.“ Die Kanzlerin plädierte für Lösungen, „die nicht Gruppen ausschließen“.

„Die Essener Tafel hat die denkbar schlechteste Möglichkeit gewählt, ein Problem zu lösen“, kritisierte ZDF-Moderatorin Dunja Hayali auf facebook. „Es ist nicht besonders schlau, am unteren Ende unserer Gesellschaft ‚Hunger Games‘ zu veranstalten und Deutsche gegen Ausländer auszuspielen.“ Unterdessen wertete die Nationale Armutskonferenz den Aufnahmestopp als „Alarmsignal“. Dieser zeige „überdeutlich, wie groß die Zahl derer ist, deren Existenzminimum nicht zum Leben reicht“, erklärte Sprecherin Barbara Eschen in Berlin. „Es sind Wohnungslose, in Altersarmut Lebende, prekär Beschäftigte, Alleinerziehende, Erwerbslose und Geflüchtete, – viel zu viele, für die knappen sozialen Angebote und Hilfen.“ Die Tafeln dürften nicht länger „Ausputzer der Nation“ sein. Die staatlichen Transferleistungen müssten die Existenz armer Menschen zuverlässig sichern.

Ähnlich äußerte sich der Sozialwissenschaftler Stefan Selke. Zwar gestand er den Tafel zu, im Prinzip eine wertvolle Arbeit zu leisten. Wirklich notwendig seien aber politische Lösungen wie eine armutsvermeidende Mindestsicherung.

kna
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