Generalvikar Pfeffer: Gespräch mit Ausgetretenen suchen

(Foto: Ludger Klingeberg)

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer ruft die katholischen Gemeinden dazu auf, verstärkt den Kontakt zu aus der Kirche ausgetretenen Menschen zu suchen. Die Kirche sollte anerkennen, dass auch in ihren Kritikern der Geist Gottes wirke, sagte er am Mittwochabend in Mülheim an der Ruhr. In den persönlichen Gesprächen sollte es darum gehen, die Motive der Ausgetretenen zu verstehen, etwa welche Ereignisse sie verletzt haben oder was sie an der Kirche frustriert.

Pfeffer äußerte sich am Rande einer Tagung, bei der die Diözese Essen die Ergebnisse einer von ihr in Auftrag gegebenen Kirchenaustritt-Studie vorstellte. Danach liegen die Hauptgründe in einer langen Phase der Entfremdung und einer fehlenden emotionalen Bindung zur Kirche. Die Unzufriedenheit mit der Kirchensteuer sei dann meist der Auslöser dafür, der Kirche den Rücken zu kehren. Zu den am meisten genannten Austrittsgründen zählen eine „nicht mehr zeitgemäße Haltung“ im Bereich der Sexualmoral, das Frauenbild der Kirche, ihre Positionen zu wiederverheirateten Geschiedenen und dem Zölibat. Jeder zehnte Befragte nannte die Missbrauchsfälle oder die Finanzaffäre um das Limburger Bischofshaus.

Pfeffer verwies darauf, dass die Menschen in der heute von Pluralität gekennzeichneten Zeit über ihre Kirchenmitgliedschaft frei entscheiden. Auf diesen Wandel sei die katholische Kirche nicht gut vorbereitet. Die kritischen Anfragen bedeuteten eine Herausforderung für sie. Die Kirche könne die Empfehlungen der Ausgetretenen nicht zur Kenntnis nehmen, ohne sich auch in ihren Lehr- und Moralfragen infrage stellen zu lassen, betonte Pfeffer.

Der Generalvikar nannte es für ihn überraschend, dass das Gesamtimage der Kirche so miserabel sei. Umgekehrt erlebe er, dass die Kirche in der Gesellschaft immer noch eine hohe Wertschätzung genieße und sich große Erwartungen an sich richteten. Dies zeige sich etwa in den stark besuchten Weihnachtsgottesdiensten. Die Kirche müsse sich aber fragen, inwieweit es ihr wirklich gelinge, Lebenssinn und Hoffnung zu vermitteln. „Da haben wir noch ziemlich viel Luft nach oben“, so der Generalvikar.

Autoren der Studie „Kirchenaustritt – oder nicht?“ sind Experten der Universität Siegen, der CVJM-Hochschule Kassel, des Zentrums für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Universität Bochum und des Philosophisch-theologischen Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin. Teil der Studie ist eine Online-Umfrage, an der sich rund 3.000 Personen aus dem Ruhrgebiet beteiligten, darunter 450 Ausgetretene. Zusätzlich wurden rund 40 Einzelinterviews geführt.

kna

 

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