„Wir hätten früher mutiger sein können“

Generalvikar Klaus Pfeffer im Interview über Herausforderungen und Chancen für das Bistum Essen und die gesamte Kirche

„Wir hätten früher mutiger sein können“, bekennt Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, im großen ausführlichen Interview mit „Neues Ruhr-Wort“ (Ausgabe vom 3. März), mit Blick auf den Umbruch und Strukturwandel im Ruhrbistum. Ein rigoroser Sparkurs, die Bildung von Großpfarreien und die Schließung von Kirchen sorgen für anhaltende Diskussionen in vielen Gemeinden der Diözese. Was das Bistum Essen schon seit langem druchexeziere betreffe bereits jetzt oder aber in naher Zukunft auch andere deutsche Diözesen, so Pfeffer. Viele würden daher mit Interesse auf die Entwicklungen im Bistum Essen schauen, erklärt der Generalvikar.

Generalvikar Klaus Pfeffer (Foto: Achim Pohl | Bistum Essen)

Pfeffer fordert einen Perspektivwechsel – vom Umbruch zum Aufbruch, von der Trauer um die Vergangenheit und dem Schmerz über Verluste hin zu Offenheit für neue pastorale Wege und Experimente. Vor allem mahnt er mit Blick auf die junge Generation, sich selbstkritisch zu hinterfragen:  „Die Kirchengebäude helfen uns nicht weiter, wenn wir uns nicht auch auf einer innerlichen und inhaltlichen Ebene verändern“, betont Pfeffer. „Wer soll denn in zehn oder 20 Jahren zu uns kommen, wenn es uns nicht gelingt, die jüngeren Generationen und die Menschen, die jetzt viel Abstand zur Kirche haben, zu interessieren und zu faszinieren – und uns umgekehrt von ihnen faszinieren zu lassen?“ Zugleich sagt er: „Auch in den Pfarreientwicklungsprozessen sehe ich die Gefahr, dass Menschen, bei denen in den kommenden Jahren irgendwann eine Kirche oder ein Gemeindeheim schließt, sich wirklich als Verlierer fühlen.“

Pfeffer plädiert für einen stärkeren Dialog mit der jungen Generation und ein offenes Ohr für ihre Bedürfnisse und Anliegen. Die Diskussion um Kirchengebäude und Gemeindegrenzen sei für junge Menschen überhaupt nicht von Interesse, schildert er Erfahrungen aus dem Bistum Essen. Auch müssten Gottesdienste, Glaubensgespräche und das Reden über Gott wieder „kompatibel“ werden mit den jungen Menschen.

Der Essener Generalvikar plädiert darüber hinaus für mehr Realismus in den aktuellen Diskussionen. Eine Rückkehr zur volkskirchlichen Struktur der katholischen Kirche hält er für ausgeschlossen. Zu glauben, dass es noch einmal so werde wie früher, sei eine Illusion, so Pfeffer. „Wir sind in einer Entwicklung, in der wir als Kirche insgesamt kleiner werden, und in einer Gesellschaft, in der die volkskirchliche Form so, wie wir sie kannten, einfach keine Zukunft mehr hat.“

Die größte Herausforderung für die Kirche und die Christen von heute sei es, zu einer neuen geistlichen Tiefe zu kommen. „Wir müssen Antworten auf die Frage finden: Wer wollen wir als Christen eigentlich sein? Und was ist unsere Überzeugung, unsere Faszination, unsere Botschaft?“, sagt Pfeffer. Die Kirche müsse sich davon verabschieden, die Menschen verändern und für sich „passend“ machen zu wollen. „Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir auch die Herausforderung bewätigen, neue Ideen zu finden, um unsere Kirche zu gestalten“, ist der Essener Generalvikar überzeugt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie sich für unsere journalistischen Angebote interessieren. Lesen Sie das vollständigen Interview hier oder in unserer gedruckten Ausgabe 9/2018!


Generalvikar Klaus Pfeffer (Foto: Achim Pohl | Bistum Essen)


 

Generalvikar Klaus Pfeffer im Interview über Herausforderungen und Chancen für das Bistum Essen und die gesamte Kirche

Generalvikar Pfeffer, wofür steht das Bistum Essen?Pfeffer: Unser Bistum steht natürlich für das Ruhrgebiet. Diese Region wurde im vergangenen Jahrhundert ein ganz bedeutender Industrieraum. Dieser Identität auch von Seiten der Kirche gerecht zu werden und ihr eine Stimme zu geben, war ein Anliegen der Bistumsgründung. Mit Blick auf die Fläche ist dies nicht vollständig gelungen, weil die drei „Mutterbistümer“ darum gerungen haben, welche Gebiete sie abgeben, und welche Städte sie behalten. Der Autor Franziskus Siepmann hat dies in seinem gerade erschienenen Buch „Mythos Ruhrbistum“ sehr anschaulich beschrieben. So ist ein gemischtes Bistum entstanden aus einem großen Teil des Ruhrgebietes und einem Teil des ländlichen Raumes im Bergischen Land und im Sauerland. Es ist doch schön, dass wir eine solche Mischung haben.
Was bedeutet das konkret?Pfeffer: Durch die nun 60-jährige Geschichte unseres Bistums hindurch sind wir geprägt von durchweg radikalen Veränderungen. Das reicht bis in die Gegenwart – Stichwort Pfarreientwicklungsprozesse. Zugleich verfügen wir hier über einen reichen Erfahrungsschatz, weil man sich in unserer Region eben mit Veränderungen auskennt. Von daher schauen viele aus anderen Bis…
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