Kardinal Lehmann hat Spuren hinterlassen

Kardinal Lehmann
Foto: Bistum Mainz

Führende Vertreter der katholischen Kirche haben die Verdienste des verstorbenen Mainzer Kardinals Karl Lehmann gewürdigt. Papst Franziskus hat den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann als herausragenden Kirchenmann und als Brückenbauer gewürdigt. In seinem langjährigen Wirken als Theologe und Bischof wie auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz habe Lehmann das Leben von Kirche und Gesellschaft mitgeprägt, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Beileidstelegramm an Lehmanns Nachfolger in Mainz, Bischof Peter Kohlgraf. Lehmanns Anliegen sei stets gewesen, „offen zu sein für die Fragen und Herausforderungen der Zeit und von der Botschaft Christi her Antwort und Orientierung zu geben“. Dabei habe er über die Grenzen von Konfessionen, Überzeugungen und Ländern hinweg das Verbindende gesucht, so der Papst über den Kardinal.

Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte am Sonntag in Bonn, ein „großer Theologe, Bischof und Menschenfreund“ sei gestorben. „Mit seinem Tod verlieren wir einen warmherzigen und menschlichen Bischof, den eine große Sprachkraft auszeichnete“, erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Weit über zwanzig Jahre habe Lehmann auch die Geschicke der Deutschen Bischofskonferenz als deren Vorsitzender geleitet und dabei Höhen und Tiefen erfahren, erklärte Marx. „Es ging ihm immer wieder um die Frage, wie eine menschendienliche und zugleich traditionsverpflichtete Kirche beschaffen sein sollte.“ Lehmann sei ein katholischer Weltbürger und überzeugter Europäer gewesen.

In die Amtszeit von Kardinal Lehmann seien so schwierige Momente wie die „Kölner Erklärung“ von 1988, das Ringen um den richtigen Weg in der Schwangerenkonfliktberatung und das Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche gefallen. „Besonders glückliche Momente waren für Karl Lehmann die Wiedervereinigung der beiden getrennten Bischofskonferenzen in die erste gesamtdeutsche Bischofskonferenz, die 1991 zusammentrat.“ Beim Deutschland-Besuch von Papst Johannes Paul II. 1996 habe der Kardinal den Papst beim Gang durch das Brandenburger Tor begleitet. Die ökumenische Annäherung sei ihm ein – theologisches und geistliches – Herzensanliegen gewesen. „Kardinal Lehmann war ein beeindruckender Mensch und vorbildlicher Geistlicher, dessen Engagement und Arbeit national und international ungezählte Ehrungen erfuhren“, betonte Marx. „Vor allem war Karl Lehmann Priester, Seelsorger und Bischof, ein begnadeter Theologe und ein guter Freund. Die theologische Finesse wird uns ebenso fehlen, wie seine kantigen Wortmeldungen.“

Als prägende Persönlichkeit der katholischen Kirche in Deutschland würdigte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) den verstorbenen Kardinal. „Mit Kardinal Lehmann verliert die katholische Kirche einen herausragenden Kirchenführer der letzten Jahrzehnte, einen beliebten und umsichtigen Bischof, einen hoch anerkannten Wissenschaftler und nicht zuletzt einen großen Menschenfreund“, erklärte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. Lehmann habe die Kirche immer als Gemeinschaft verstanden und sei ein großer Förderer des ZdK gewesen. „Der Leitbegriff des Konzils ‚Communio‘ wurde für ihn theologisches und kirchpolitisches Programm; immer suchte er den Konsens im fairen Dialog.“ Zugleich sei er ein umfassend gebildeter Theologe und Wissenschaftler gewesen, dessen Wort in der ganzen Welt mit Aufmerksamkeit und Respekt gehört wurde.

Der frühere Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, hat den am Sonntag mit 81 Jahren verstorbenen Mainzer Kardinal Karl Lehmann gewürdigt. Besonders dessen Bereitschaft zum konstruktiven Streit sei für die katholische Kirche wichtig gewesen, sagte Glück am Montag dem Bayerischen Rundfunk (BR). „Ansonsten wären sehr viel mehr Menschen ausgezogen aus dieser Kirche. Sie hätten Kirche nicht mehr als gesprächsfähig erlebt.“ Lehmann hat nach den Worten von Glück „Außergewöhnliches“ geleistet, für die Kirche, aber auch in die Gesellschaft hinein. Er sei ein brillanter Wissenschaftler gewesen, vor allem aber ein Mensch, „der ganz unkompliziert natürlich Nähe gegeben hat, zugehört hat“. Die Gespräche mit ihm seien nie belanglos gewesen und immer mit viel Humor, erinnerte sich der Ex-ZdK-Präsident. Doch der Kardinal habe auch schwierige Zeiten durchgemacht und dabei die „schmerzlichen Kehrseiten der Kirche“ persönlich erfahren müssen. Dennoch sei es ihm gelungen, die katholische Kirche in Deutschland in ganz schwierigen Jahrzehnten zusammenzuhalten.

Als „exzellenten theologischen Denker“ und einen „den Menschen zugewandter Seelsorger“ bezeichnete der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki den früheren Mainzer Bischof. Durch seine besondere Gabe, auch komplexe theologische Fragen einfach darzustellen, habe er immer wieder den Austausch mit allen Menschen gleich welcher Weltanschauung gefördert. Lehmann sei davon überzeugt gewesen, „dass die Kirche ihren Ort in der Mitte der Gesellschaft haben muss und im Gespräch mit ihr stehen soll“. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck würdigte Lehmann als einen der „intellektuellen Köpfe der Bischofskonferenz“. Mit seiner ruhigen und ausgleichenden Art sei es ihm immer wieder gelungen, gemeinsame Positionen der Bischöfe zu erarbeiten. Die Ökumene habe ihm besonders am Herzen gelegen.

Münsters Bischof Felix Genn bezeichnete Lehmann als „entscheidende Gestalt“ für die Kirche in Deutschland. Nach dem Tod des früheren Kölner Kardinals Joachim Meisner im vergangenen Jahr markiere der Tod des früheren Mainzer Bischofs „ebenfalls das Ende einer kirchengeschichtlichen Ära, die er ganz wesentlich mitgestaltet und geprägt hat“, erklärte Genn in Münster. „Zwei unterschiedliche Bischofsgestalten, die bisweilen auch wie Antipoden gewirkt haben, haben nun ihre Vollendung beim Herrn gefunden.“ Berlins katholischer Erzbischof Heiner Koch bekundete besondere Dankbarkeit dafür, dass der Mainzer Bischof als Vorsitzender der Bischofskonferenz mit großer Ruhe, Besonnenheit und Entschiedenheit die katholische Kirche in Deutschland durch bewegte Zeiten geführt habe „und sich stets für deren Einheit eingesetzt hat“, erklärte Koch in Berlin.

Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr verwies auf Lehmanns Verdienste um das Zusammenwachsen der Kirche in Deutschland. Der Kardinal habe immer ein „waches Gespür“ für die Besonderheiten der Katholiken in der ostdeutschen Diaspora gehabt, betonte Neymeyr. Bereits zu DDR-Zeiten habe es starke Verbindungen gegeben. Nach der Wiedervereinigung sei Lehmann häufig in Ostdeutschland unterwegs gewesen, um das gegenseitige Verständnis von Katholiken in Ost und West voran zu bringen. Nicht zuletzt habe Lehmann als Vorsitzender der Bischofskonferenz „auf eine überzeugende Weise“ für die Integration der ostdeutschen Berliner Bischofskonferenz in die gesamtdeutsche Bischofskonferenz in Bonn gesorgt.

Auch der Magdeburger Bischof Gerhard Feige würdigte die Verdienste von Kardinal Lehmann um die Kirche in Ostdeutschland. „Die Zusammenführung der beiden deutschen Bischofskonferenzen nach der Wende hat Kardinal Lehmann maßgeblich vorangetrieben“, erklärte Feige in Magdeburg. Lehmann habe die Geschicke der Bischofskonferenz „mit Herzlichkeit und Offenheit, vor allem mit Lust an der theologischen Debatte“ gelenkt, so der Bischof. Er sei bis zuletzt Professor der Theologie geblieben. „Es war erstaunlich, mit welchen Vorträgen und Ideen er die Bischofskonferenz immer auf dem Laufenden der Forschung hielt“. Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst erklärte, Lehmann habe „richtungsweisend“ in Politik, Kultur und Kirche hinein gesprochen. Im Dialog habe er immer auf die Kraft des Arguments gesetzt. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erinnerte an Lehmanns Verdienste um das ökumenische Miteinander der Konfessionen. Die Katholiken im Südwesten trauerten um eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit herausragender theologischer Begabung.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing bezeichnete Lehmann als Mann des Dialogs zwischen Kirche und Gesellschaft. „Die Brücken, die er geschlagen hat, sind solide und können weiter gefestigt werden“, sagt Bätzing in Limburg. Große Verdienste habe sich Lehmann auch im ökumenischen Gespräch mit der evangelischen Kirche erworben. „Wenn wir heute sagen, uns verbindet viel mehr als uns trennt, dann ist das nicht zuletzt Frucht des jahrzehntelangen ökumenischen Dialogs, für den sich Kardinal Lehmann kontinuierlich im Gesprächskreis von katholischen und evangelischen Theologen einsetzte“, so der Limburger Bischof. Als „große Persönlichkeit der Kirche der Nachkonzilszeit“ würdigte der Trierer Bischof Stephan Ackermann den Kardinal. Charakteristisch sei Lehmanns Offenheit für die Fragen der Zeit und seine Neugier auf das Leben gewesen, so Ackermann. Eindrucksvoll sei Lehmanns vom Glauben getragene Heiterkeit gewesen sowie seine Freude, unter Menschen zu sein.

Als „prägende Gestalt des deutschen Katholizismus“ würdigte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße den verstorbenen Kardinal. „Ich habe an ihm vor allem seinen weiten theologischen Horizont und seine menschliche Wärme geschätzt“, sagte er in Hamburg. „Wenn andere Bischöfe bei Konferenzen ihre Akten auf den Tisch packten, hatte er einen Stapel theologischer Bücher dabei.“ Heße erinnerte auch daran, wie er als junger Bischof von Lehmann begrüßt wurde: „Das war ganz ohne Dünkel, herzlich, offen und zugewandt.“ Der Übergangsverwalter des Bistums Hildesheim, Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger, bezeichnete Lehmann als „Botschafter der Menschlichkeit“. Der Kardinal habe die besondere Gabe gehabt, unterschiedliche Menschen und widerstreitende Interessen zusammenzubringen. „Dass wir in den vergangenen Jahren in der Ökumene so weit vorangekommen sind, haben wir auch seinem unermüdlichen Einsatz zu verdanken.“ Der Würzburger Diözesanadministrator Weihbischof Ulrich Boom sagte, die Kirche verliere mit Lehmann einen leidenschaftlichen Brückenbauer zwischen Kirche und Welt. Er habe sein Bischofswort „Steht fest im Glauben“ als Theologe und Seelsorger eingelöst. Der Passauer Bischof Stefan Oster nannte Lehmann auf seiner Facebookseite eine der „prägenden Gestalten der nachkonziliaren Kirche in Deutschland“. Er sei ein Mann der Kirche gewesen „im Glauben, mit stupender intellektueller Kraft, in seinem unerschöpflichen Wissen, in seiner herzlichen Zugewandtheit zu den Menschen, in seiner großen Erfahrung und so vielem mehr“.

Als großen Rückhalt für die weltkirchlichen Werke bezeichneten das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und missio Aachen den gestorbenen Mainzer Bischof. „Wir sind dankbar für die Unterstützung, die die weltkirchlichen Hilfswerke immer wieder durch ihn erfahren durften“, erklärte der Präsident beider Werke, Klaus Krämer. Lehmann habe bewusst gemacht, dass Solidarität ein unverzichtbarer Schlüssel für den Frieden in einer zerrissenen Welt sei. Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche würdigte den Kardinal als einen Ausnahmetheologen, der sich zeitlebens mit großem Engagement für die Erneuerung der Kirche auf dem Kurs des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode eingesetzt habe. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) lobte, der Kardinal sei immer wieder Ohr und Stimme für die Anliegen junger Menschen gewesen.

Auch in Deutschland gab es einen Tag nach Lehmanns Tod weitere Würdigungen. Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) verwies besonders auf seine „Offenheit für neue Wege und mehr Lebendigkeit in der Kirche, in der Frauen einen selbstverständlichen Platz einnehmen“. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) würdigte die „pastorale Umsicht und Weitsicht“ Lehmanns. In Erinnerung bleiben würden insbesondere seine als fortschrittlich geltenden Überzeugungen, etwa zur Frage geschiedener Wiederverheirateter.

Die Deutsche Ordensobernkonferenz äußerte Dankbarkeit für Lehmanns Engagement. Er sei über Jahrzehnte hinweg den Anliegen der Ordensgemeinschaften „mit großem Wohlwollen und Verständnis begegnet“. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma nannte Lehmann einen „engen Weggefährten“ und stets dialogbereiten Gesprächspartner. Er habe für „Versöhnung jenseits verhärteter ideologischer Gräben“ gestanden, betonte der Zentralratsvorsitzende Romani Rose. Rita Waschbüsch, Vorsitzende des Schwangerenberatungsvereins Donum Vitae, erklärte, Lehmann sei „uns und unserem Dienst immer mit hohem Respekt begegnet“. Die ehemalige ZdK-Präsidentin bezeichnete Lehmann als einen „wichtigen Freund“. Donum Vitae (Geschenk des Lebens) wurde 1999 von prominenten Katholiken gegründet, nachdem die Kirche in Deutschland aus dem staatlichen System der Konfliktberatung ausgestiegen war.

Lehmann war am frühen Sonntagmorgen in seinem Haus in Mainz gestorben. Der 81-Jährige hatte seit September mit den Folgen eines Schlaganfalls und einer Hirnblutung gekämpft. Fast 33 Jahre lang, von 1983 bis zum Rücktritt an seinem 80. Geburtstag am 16. Mai 2016, war Lehmann Bischof von Mainz. Von 1987 bis 2008 leitete er die Bischofskonferenz. 2001 erhob ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal. Der Kardinal wird am 21. März in der Bischofsgruft des Mainzer Doms beigesetzt. Ab Dienstag soll der Verstorbene in der Mainzer Seminarkirche aufgebahrt werden, dort können Trauernde Abschied nehmen.

kna
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