Präsident der Päpstlichen Akademie würdigt Agnostiker Hawking

Das Weltall habe sich „spontan“ selbst geschaffen – davon war Stephen Hawking überzeugt. Einen Gott brauche es nicht, meinte der Physiker. Den Papst traf der große Denker, der jetzt mit 76 Jahren starb, trotzdem.

(Foto: © Alessandrozocc | Dreamstime.com)

Das Bild ging um die Welt: Papst Franziskus trifft Stephen Hawking. Der Mann in Weiß, Stellvertreter Christi auf Erden, lächelt den im Rollstuhl sitzenden britischen Astrophysiker an, in dessen Theorien über das Universum Gott keinen Platz hatet. Ob einer von beiden nach dem Treffen im Vatikan Ende November 2016 seine Meinung über Gott geändert hat? Eher nicht. Doch beide galten und gelten schon zu Lebzeiten als wegweisende Gestalten. Jetzt ist Hawking im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in Cambridge gestorben, wie seine Familie am Mittwoch bekanntgab. „Wir sind tief betrübt, dass unser geliebter Vater heute gestorben ist“, heißt es in der Mitteilung seiner Kinder Lucy, Robert und Tim.

Hawking zählte nicht nur zu den brillantesten und bekanntesten Wissenschaftlern der Welt, sondern galt auch als Beispiel dafür, wie sich der menschliche Geist über körperliche Gebrechen erheben und die Gesetze des Kosmos durchdringen kann. Hawking litt seit 1963 an der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die ihn zunehmend lähmte. Seit einem Luftröhrenschnitt 1985 konnte er nicht mehr sprechen. Allein über einen Sprachcomputer war ihm möglich zu kommunizieren. Dies funktionierte zunächst durch Tippen mit den Fingern. Als das nicht mehr ging, teilte sich Hawking dadurch mit, dass er über einen Infrarotsensor Buchstaben und Wörter allein durch Bewegungen des rechten Wangenmuskels auswählte, und schließlich auch allein durch Augenbewegungen.

Berühmt wurde der langjährige Inhaber des Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge durch seine Theorien über Schwarze Löcher und seine populärwissenschaftlichen Bücher; etwa den Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von 1988. Darin hatte Hawking einen göttlichen Einfluss auf die Schöpfung noch in Erwägung gezogen. In seinem 2010 erschienenen Buch „Der große Entwurf“ vertrat er dann die These, dass sich das Universum selbst aus dem Nichts geschaffen habe, ohne göttlichen Schöpfungsakt. „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren“, schrieb er. Deshalb sei es „nicht notwendig, sich auf Gott zu berufen“.

„Ein Märchen für Leute, die Angst vor dem Dunkeln haben“

Den Glauben an ein Leben nach dem Tod nannte Hawking 2011 „ein Märchen für Leute, die Angst vor dem Dunkeln haben“. Das menschliche Gehirn sei wie ein Computer, der aufhöre zu funktionieren, wenn seine Komponenten kaputtgehen, gab sich der Experte für theoretische Physik in einem Zeitungsinterview überzeugt. „Es gibt keinen Himmel für kaputte Computer.“ Dies hatte prompt den Widerspruch gläubiger Wissenschaftler hervorgerufen. Der Biophysiker Markolf Niemz von der Uni Heidelberg betonte: „Ich bin überzeugt, dass es eine Seele gibt, die unseren Körper mit dem Tod verlässt – und sie ist unsterblich.“ Hawkings Gotteskritik hinderte auch die katholische Kirche nicht, ihn 1986 in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften aufzunehmen. Als er 2016 t gemeinsam mit einigen Dutzend Akademiemitgliedern von Franziskus empfangen wurde, segnete ihn der Papst – und dankte ihm für sein „stetiges Engagement“ für die Akademie.

Das Leben von Stephen Hawking war so einzigartig, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es verfilmt wurde. Dies gelang 2014 eindrücklich in dem britischen Kinofilm „The Theory of Everything“ („Die Entdeckung der Unendlichkeit“). Eddie Redmayne, der Hawking spielte, erhielt dafür den Oscar. Hinter dem von der Nervenkrankheit schwer gezeichneten Wissenschaftler wurde der äußerst wache, humorvolle Mensch Hawking deutlich. Der „echte“ Stephen Hawking jedenfalls hatte auch in hohem Alter noch ganz menschliche Probleme. „Manchmal bin ich sehr einsam, weil die Leute Angst haben, mit mir zu sprechen oder nicht abwarten können, bis ich eine Antwort geschrieben habe“, sagte der Astrophysiker 2015 in einem TV-Interview der BBC. Zudem sei er auch selbst schüchtern und gelegentlich erschöpft. Doch trotz allem gab er sich weiter kämpferisch: „Ich will verdammt sein, wenn ich sterbe, bevor ich nicht noch mehr über das Universum herausgefunden habe.“

„Große Bereicherung“ der Akademie

Der Präsident der Päpstlichen Akademie für Wissenschaften, Joachim von Braun, hat den verstorbenen britischen Astrophysiker Stephen Hawking als herausragenden Forscher und „große Bereicherung“ der Akademie gewürdigt. Hawking, der seit 1986 der päpstlichen Akademie angehörte, habe mit seinen Einsichten zu den sogenannten Schwarzen Löchern eine „riesige Horizonterweiterung in der Astrophysik und Kosmologie“ bewirkt. Auch wenn er sich stets als Agnostiker bezeichnet habe, sei Hawking „davon beseelt gewesen, dass etwas Unerklärbares hinter dem Entstehen der Welt steht“, sagte von Braun der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch im Vatikan.

Den Prozess der Entstehung der Welt habe Hawking stark eingeengt, aber nicht ganz klären können, so von Braun. Dass das Weltall keinen Schöpfer brauche, wie Hawking zitiert wird, bleibe eine „Hypothese“. Die Akademie habe sich der Suche nach wissenschaftlichen Wahrheiten verschrieben; „dazu gehört es zwar, Hypothesen zu formulieren, aber solange sie nicht bestätigt werden, bleiben es Hypothesen“, so der deutsche Agrarwissenschaftler von Braun, der von Papst Franziskus vergangenen Juni zum Präsidenten der Akademie berufen wurde.

Auch religiöse Akademiemitglieder hätten Hawking als große Bereicherung im wissenschaftlichen Diskurs über Ursprünge des Kosmos erfahren. „Aber die Frage ‚Wo gehen wir hin?‘ hat die Akademie nicht mit ihm diskutiert. Das wäre wohl fruchtlos gewesen“, sagte von Braun. Forscher, die nicht an Gott glaubten, hätten auch einen Platz in der Akademie, denn die Päpste beriefen seit langem „beste Wissenschaftler in die Akademie, unabhängig von religiösem Bekenntnis, Nationalität oder Geschlecht“. Insofern sei Hawking „keine Ausnahme gewesen, sondern ein Akademiemitglied, auf das wir sehr stolz sind“, sagte von Braun.

Mit Blick auf die Lähmung Hawkings sagte von Braun, das Kollegium der Akademie habe „von ihm gelernt, dass der Umgang mit Behinderung und körperlicher Einschränkung einer Brillanz im Denken und Weiterentwickeln von Wissenschaft nicht im Wege stehen muss“. Dies sei zugleich „eine großartige Botschaft an die rund 800 Millionen behinderten Menschen auf der Welt“, für die Hawking ein Vorbild sein könne. Zuvor hatte die Päpstliche Akademie den verstorbenen Wissenschaftler bereits auf Twitter gewürdigt. „Wir sind zutiefst traurig über den Tod des bemerkenswerten Wissenschaftlers Stephen Hawking, der unserer Akademie so treu war“, heißt es in einem Tweet der Akademie. „Vier Päpsten hat er versichert, dass er die Beziehung zwischen Glauben und wissenschaftlichem Verstand voranbringen will.“ Hawking war 1986 von Johannes Paul II. (1978-2005) in die Wissenschaftsakademie berufen worden und nahm bei verschiedenen Gelegenheiten an deren Tagungen teil, zuletzt im Herbst 2016.

Norbert Demuth/rwm/kna
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