„Wer Ju­den diskriminiert, diskriminiert Christen!“

Die Neue Synagoge in Gelsenkirchen. (Foto: Daniel Ullrich, Threedots/via Wikimedia)

Die Katholische Stadtkirche in Gelsenkirchen hat sich öffentlich klar gegen zunehmenden Antisemitismus in der Gesellschaft positioniert. Dieser beun­ruhige und entsetze „die katholischen Christen in Gelsenkirchen zutiefst“, hießt es in einer Erklärung, die Propst Markus Pottbäcker als Stadtdechant und Klaus A. Hermandung als Vorsitzender des Katholikenrats unterzeichnet haben. Es sei „höchst alarmierend und erschreckend, wenn jüdische Mitbürger allein schon wegen einer sichtbaren Kippa diskriminiert oder gar attackiert werden. Wir verurteilen als katholische Stadtkirche in Gelsenkirchen jegliche Form des Antisemitismus!“

Man sei sich „bewusst, dass auch in der Geschichte der Kirche Antisemitismus und An­tijudaismus tiefe, dunkle Schatten und grauenhaftes Unrecht auf das Leben vie­ler Juden hat fallen lassen“. Bis heute trügen Christen „daher eine besondere Ver­antwortung daraus“. Das Zweite Vati­kanische Konzil habe in den 1960er-Jahren Konsequenzen „aus der un­heilvollen Geschichte ge­zogen und wieder in Er­innerung ge­rufen, dass das jüdische Volk, das von Gott zuerst auserwählte Volk ist, und dass der Bund Gottes mit seinem Volk nicht auf­gehoben wurde, son­dern bis heute gilt.“

In der Tra­dition dieses Bundes stehe darum auch das Christentum. „Daher gilt: Wer Ju­den diskriminiert, diskriminiert Christen!“. Christen und Juden seien „wie Geschwister verbunden“. Die Stadt­kirche solidarisiere sich „mit unseren Schwestern und Brüdern jüdischen Glaubens“ und rufe „alle Gemeinden und alle Ein­zelpersonen unserer Kirche in Gelsenkirchen auf, im alltäglichen Leben dieser Solidarität Ausdruck zu verleihen und jede Form von Antisemitismus in aller gebotenen Schärfe zu verurteilen!“

 

Antisemitismus als Alltagserfahrung

Auf Einladung der Katholischen Stadtkirche sprach die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, am Montag beim Empfang zum Georgstag.

Im sächsischen Städtchen Ostritz haben am vorigen Wochenende nach Medienberichten bis zu 750 Neonazis auf den Geburtstag Adolf Hitlers angestoßen. Das „Schild und Schwert“-Festival versetzte den Ort an der polnischen Grenze in den Ausnahmezustand. In Berlin wurde vor einigen Tagen ein junger Mann auf offener Straße angegriffen, weil er eine Kippa trug. Es sind Meldungen wie diese, die Judith Neuwald-Tasbach erschüttern und die Juden in Deutschland insgesamt in Sorge versetzen.

Judith Neuwald-Tasbach (Foto: Spernol)

Doch für eine Konfrontation mit dem Antisemitismus muss man nicht nach Ostdeutschland oder nach Berlin reisen. Auch im Ruhrgebiet, auch in Gelsenkirchen ist er greifbar. Davon berichtete die  Vorsitzende der örtlichen Jüdischen Gemeinde in einem Vortrag am Montagabend beim Empfang der Katholischen Stadtkirche zum Georgstag. „Niemand von uns trägt mehr eine Kippa auf der Straße“, sagte Neuwald-Tasbach und erzählte von einem Gemeindemitglied: Der Mann hatte vergessen, die Kopfbedeckung nach dem Gottesdienst abzunehmen. „Er hat es sehr bereut, denn er wurde heftig beschimpft auf der Straße.“

Schon zweimal war die 2007 eröffnete Neue Synagoge in Gelsenkirchen Ziel eines Anschlags, wurden Scheiben eingeschlagen. Im Internet kursierte ein Aufruf, die Synagoge in die Luft zu sprengen – der Täter wurde gefasst. Und erst am vorigen Samstag wurden Steine auf das  Gotteshaus geworfen. „Alle unsere Kinder haben auf dem Schulhof schon das Schimpfwort Juden gehört. Und es gibt Kinder bei uns, die sich nicht trauen, in der Schule zu sagen, dass sie Juden sind“, berichtete Neuwald-Tasbach, die auch erzählte, dass in der Vergangenheit Mitglieder darum baten, keine Post mehr von der Gemeinde zu erhalten: weil deren Logo den Briefumschlag ziert. Sie fürchteten, ihre Nachbarn könnten dies sehen.

Mehr Zivilcourage

Neuwald-Tasbach berichtete auch von einer Gruppe Jugendlicher, die zu einer Führung zu Gast waren und hierbei Hakenkreuze in die Synagogen-Wände schnitten. „Es war eine mühsame Geschichte, sie zu überzeugen, dass das nicht in Ordnung war.“ Die Gemeinde erlebe seit Jahren, „dass sich bis zur Hälfte der Schulklassen weigert, eine Synagoge zu betreten“. Dabei müsse doch gerade der Schulunterricht dazu dienen, Kindern zu zeigen, „was es in diesem Land, abseits vom eigenen Tellerrand zu erfahren gibt, wie Juden, Christen oder Muslime lebe. Und dann kann man auch begreifen, dass wir alle eigentlich am selben Strang ziehen, nur auf unterschiedliche Weise“, sagte die Gemeindevorsitzende. „Das geht verloren, wenn wir nicht durchsetzten, dass Kinder lernen, was eine andere Religion beinhaltet.“ Die Bildung spiele eine wichtige Rolle.

Betroffen machte die Zuhörer vor allem auch eine persönliche Schilderung Neuwald-Tasbachs: Im vorigen Dezember war sie außerhalb Gelsenkirchens zu einem Abendessen eingeladen. Eine nette Runde aus zwölf Leuten, schien es. Das Gespräch kam auf die Religionen. Eine Arzt habe „in verschiedenen Nuancen“ zum Ausdruck gebracht, dass er nichts von Religionen halte, aber besonders nichts vom Judentum. „Es gipfelte in seinem Ausspruch: ‚Und damals in Berlin, da waren die Juden ja alles reiche Kaufhausbesitzer, da kann man doch verstehen …‘ – Bei diesen Worten bin ich aufgestanden und gegangen“, schilderte Neuwald-Tasbach.

Und es sei das erste Mal gewesen, dass sie auf der Heimfahrt in ihrem Auto geweint habe. Nicht wegen des Mannes. „Für mich war klar, wessen Geistes Kind er war. Ich habe geweint, weil die anderen, alle danebensaßen. Keiner hat für mich Partei ergriffen, alle haben in die Suppe geschaut. Keiner hat nur ein Wort gesagt, man hörte nur ihn schwadronieren. Und das beschäftig mich bis heute.“ Da bedurfte es kaum weiteren Ausführungen, wenn Neuwald-Tasbach zu mehr Zivilcourage aufrief.

 „Antisemitismus hat es in der Bundesrepublik immer gegeben“, betonte Neuwald-Tasbach. „Aber es war viel subtiler, eben nicht gesellschaftsfähig – etwas, was man nicht offen ausleben konnte. Im Gegensatz zu heute.“ Es existieren viele Arten des Antisemitismus. Da sind die alten und die neuen Rechten. Es gibt linken Antisemitismus und es muslimischen Antisemitismus. „Und vor allen Dingen gibt es diejenigen, die alles sehen und alles hören, aber wegschauen und weghören“, sagte Neuwald-Tasbach.

Boris Spernol
Neues Ruhr-Wort

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