Pfingsten: Gottes Geist hindurchfließen lassen

Predigt zu Pfingsten von Prior Pater Andreas Wüller

In diesen Tagen singen wir wieder die tröstlichen und uns zuversichtlich stimmenden Pfingstlieder. Das erinnert uns zunächst einmal an die stürmische Entwicklung der Urgemeinde zur Zeit der Apostel in Jerusalem, an den Aufbruch der kleinen, verschüchterten Kerngemeinde in die Öffentlichkeit. Aber uns selbst fehlt eine solch positive Aufbruchsstimmung, wie es die Urgemeinde vor knapp 2000 Jahre erfahren hat. Wo ist denn in der heutigen Zeit von dem Inhalt der soeben gesungenen vierten Liedstrophe etwas zu spüren? „Der Geist des Herrn durchweht die Welt gewaltig und unbändig; wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig“ (Gl 347,4). Ist in der heutigen Zeit diese unsere Welt nicht in größter Gefahr, weil Gottes Geist von Seiten der Menschen so wenig Raum gegeben wird? Sind nicht ganz andere Geister gewaltig und unbändig am Werk?

(Foto: M.E./pixelio.de)

Liebe Schwestern und Brüder, haben wir nicht eher den Eindruck, wie es Bischof Bode aus Osnabrück einmal formulierte, „dass der Geist Gottes die Menschen nicht mehr erreicht, dass ein Ungeist und eine Kulturlosigkeit sich immer mehr ungehemmt ausbreiten“. Seit langem ist der Friede in der Welt nicht mehr so bedroht und gefährdet, wie wir es in jüngster Zeit erleben. Die Schlagzeilen überschlagen sich, was den Machtmissbrauch der großen Konzerne und der modernen Kommunikationsmittel angeht. Wer kann all dem wirklich Einhalt gebieten? Ja, und die Kirche selbst hat ja in unseren Breitengraden auch den Rückwärtsgang eingeschaltet. Bis zu 100 Kirchen wurden allein bei uns im Bistum Essen aufgegeben, umfunktioniert oder gar abgerissen, weil es an Geld, aber noch mehr an Gläubigen fehlt, die diese Kirchen letztlich füllen würden.

Wehen einer frischen Luft und eine ganz neue Weite

Wo bleibt da ein neues Pfingsten, wie es Papst Johannes XXIII. in seinem nur fünfjährigen Wirken als Papst mit seinem Wesen und seiner Art zu seiner Zeit verstanden hat, durch die Kraft und das Wehen des Heiligen Geistes ein wirkliches Feuer zu entfachen. Man sprach damals von den weit geöffneten Fenstern, von dem Wehen einer frischen Luft und einer ganz neuen Weite, die plötzlich im Lebensvollzug der Kirche wahrgenommen wurde. All das verdanken wir in unserer Kirche seinem Wirken, dem Wirken des Heiligen Geistes, durch diesen Papst ausgelöst, und vor allem auch durch die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils und seine erstaunliche Entwicklung. Das war und ist Pfingsten.

In den zurück liegenden Jahrzehnten durften wir alle von diesem Pfingsten, von diesem Wehen des Heiligen Geistes zehren, ja, bis in die heutige Zeit hinein, so dass es möglich wurde, mit all den vielen, in jüngster Zeit aufgetretenen Schwierigkeiten und Skandalen der Kirche, und ich will diese hier erst gar nicht alle aufzählen, offen, selbstkritisch und transparent umzugehen und sich redlich damit auseinanderzusetzen. Ohne den Geist des zweiten Vatikanischen Konzils wäre das so nicht möglich gewesen.

Auch in der heutigen Zeit stellt sich die Kirche den gesellschaftlichen Herausforderungen, verkündet die Frohe Botschaft Jesu Christi, sei es gelegen oder ungelegen. Hier im Bistum Essen erlebten wir in der Zeit von 2015 bis 2018 einen ermutigenden Dialogprozess, der ein Zukunftsbild für die Kirche entworfen hat. Er wurde unter das Motto: „Du bewegst Kirche“ gestellt. Wir erwarten immer neue Impulse vom Papst und den Bischöfen, dem Pfarrgemeinderat, der Pfarre und dem Kirchenvorstand, die müssten doch mal was bewegen. Nein, „Du bewegst Kirche“, wenn Du dich als Christ einbringst.
Welt muss nicht aus eigener Kraft erneuert werden

Jeder Christ ist eingeladen, dieses Zukunftsbild auch im eigenen Leben umzusetzen. Dann, und nur dann, wird die Kirche eine Jüngergemeinschaft Jesu sein, die berührt und wach, vielfältig, lernend und wirksam ist und somit als gesendet den Menschen nahe ist. Das Evangelium vom Pfingstfest (Joh 20, 19-23) berichtet uns davon, dass der auferstandene Herr immer wieder auf seine Jüngergemeinschaft zukommt. Da sind verschlossene Türen für ihn kein Hindernis. Er wendet sich den Verängstigten zu. Er haucht sie an mit dem Lebensatem des Friedens, der Vergebung, des Heils. Er will in ihrer Mitte sein. Sie brauchen sich nur für ihn aufzutun.

Eine Kirche, die sich auch heute auf diese Zusage einlässt, hat die Chance, neue Kraft zu gewinnen. Und sie weiß dann: Wir brauchen die Welt nicht aus eigener Kraft zu erneuern. Wir sind bei unserer Sendung, bei unserem Friedens- und Versöhnungsdienst nicht bloß auf das eigene Können angewiesen. Hinter uns steht der Herr. Er selbst ist es, der den Aufstand anzettelt gegen eine Welt der Unversöhnlichkeit, der Verletzungen und Verwundungen, aus denen nur immer wieder neue Verletzungen folgen! Wir brauchen nur empfänglich zu sein für seinen Geist und Lebensatem. Dieses Wissen schenkt Gelassenheit! Das kann den Krampf lösen, als käme es nur auf unsere Tüchtigkeit an.

Und so kann es für uns und unsere Kirche Pfingsten werden:
• Wenn wir in diesem Jahr das Pfingstfest feiern, will das der Tag sein, an dem wir als einzelne und als Gemeinde neu lernen: Wenn unsere Kräfte ausgehen, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind, dann sind Gottes Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Wir dürfen ihm und seiner Kraft alles zutrauen. Wir brauchen ihm nur unsere Hände, unsere Füße, unser Herz hinzuhalten und zu sagen: Herr, wenn du willst, dann lass deinen Geist durch uns hindurch fließen und lass uns deine Jünger sein in dieser Welt.
• Wenn wir in diesem Jahr das Pfingstfest feiern, dann will das ein Tag sein, an dem wir lernen: Wir brauchen als Kirche nicht dem „glanzvollen“ Gestern nachzutrauern. Wir erleben Gottes verborgenes Wirken auch heute. Es ist spannend, nach seinen Spuren zu forschen, die verborgenen Wege Gottes zu entdecken. Wir werden dann zu einer neugierigen und wachen Kirche, die über Gottes Einfallsreichtum nur staunen kann. Papst Johannes XXIII. war übrigens von dieser Art: Er hat nicht hinter jeder gesellschaftlichen Veränderung, hinter jeder fremden Verhaltensform gleich das Böse und Gottfeindliche gesehen. Er konnte mit einem ungeheuren Optimismus und einer wirklichen Gelassenheit auf die Zeichen und Spuren Gottes hoffen und warten.
• Und wenn wir in diesem Jahr Pfingsten feiern, dann wird das ein Tag sein, an dem wir lernen: Wir sind als Kirche nicht für uns selbst da, wir haben uns nicht nur um das Wohl der Glaubensgeschwister zu kümmern und das Erscheinungsbild unserer Kirche zu pflegen. Unsere Aufgabe ist es, mit dem Herrn im Rücken an der Veränderung der ungerechten, heillosen Lebensverhältnisse auf dieser Erde zu arbeiten.
Liebe Schwestern und Brüder, was Pfingsten immer wieder neu für einen jeden von uns bedeuten kann, das hat Karl Rahner einmal in dem folgenden Bekenntnis zusammengefasst:

Ich glaube an den Heiligen Geist. – Ich glaube, –
dass er meine Vorurteile abbauen kann,
dass er meine Gewohnheiten ändern kann,
dass er meine Gleichgültigkeit überwinden kann,
dass er mir Phantasie zur Liebe geben kann,
dass er mir Warnung vor dem Bösen geben kann,
dass er mir Mut für das Gute geben kann,
dass er meine Traurigkeit besiegen kann,
dass er mir Liebe zu Gottes Wort geben kann,
dass er mir Minderwertigkeitsgefühle nehmen kann,
dass er mir Kraft in meinem Leiden geben kann,
dass er mir einen Bruder, eine Schwester an die Seite geben kann,
dass er mein Wesen durchdringen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen ein segensreiches Pfingstfest.

 

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