Städte-Experte fordert sensiblen Umgang mit überzähligen Kirchen

Der Kölner Theologe und Städtebau-Experte Jörg Beste mahnt einen sensiblen Umgang mit überzählig gewordenen Kirchengebäuden an. Menschen identifizierten sich vor Ort hochgradig mit den Kirchenbauten, sagte er im Interview der katholischen Wochenzeitung „Neues Ruhr Wort“ (Samstag) in Gelsenkirchen. Wo die Kirchen nicht in Wertschätzung aufgegeben werden, seien unheimlich viele Leute frustriert, die sich hier heimisch gefühlt hätten. „Das war ihr Kristallisationspunkt, an dem sie viele Kernpunkte ihres Lebens wie Taufe, Hochzeit, Aussegnung oder ähnliches erlebt haben“, so Beste.

Jörg Beste (Foto: H. Engel)

Der Architekt plädierte für eine soziale Verwendung der Kirchen, ohne die sakramentale Nutzung aufzugeben. Dadurch könne in der Mitte eines Ortes eine Gravität entstehen aus kirchlicher, sakraler, kultureller und sozialer Arbeit, „die die Gemeinde wieder überzeugend und präsent werden lässt“. Die Kirchen müssten diese Sozialorientierung wollen. Dann stellten die Kirchengebäude „ein Potenzial für Beteiligung, für ehrenamtliches Engagement“ dar.

Die Kirchenleitung haben sich nach den Worten des evangelischen Theologen nicht intensiv mit den Möglichkeiten ihres Gebäudebestandes für eine erneuerte Gemeindearbeit beschäftigt. Notwendig sei Begleitung und Unterstützung von oberer Seite in den Schrumpfungsprozessen vor Ort. Die 27 katholischen Bistümer haben nach einer Umfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) seit dem Jahr 2000 rund 540 Kirchengebäude und Kapellen profaniert. Nach der jüngsten Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurden hier zwischen 1990 und 2015 etwa 710 Kirchenbauten als Gottesdiensträume aufgegeben.

Die beiden großen Kirchen müssten sich stärker an den gesellschaftlichen und binnenkirchlichen Wandel anpassen. Dies gelte nicht nur für den Umgang mit den Kirchengebäuden, sondern vor allem auch für pastorale und Gemeindekonzepte sowie die Frage, wie die Kirche der Zukunft aussehen und bestehen könne. „Wir stehen vor einer Reformationsnotwendigkeit“, sagt Beste. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Gemeinden gibt, die ohne Priester oder Pfarrer als Gemeinschaft, als Christen vor Ort leben.“Dafürgebe es bereits einige Beispiele. „Das ist aber vermutlich nicht das, was unseren Kirchen so vorschwebt“, so der Experte. „Wenn man heute etwas verändern muss, dann sollte man etwas mit der Menschenkirche tun, nicht mit der Theologenkirche. Hierfürmüssen sich die Kirchen wieder neu erfinden“, fordert er. Darin eingeschlossen: die notwendige Reform von Caritas und Diakonie.

Fast 1200 Jahre lang habe sich das Gemeinwesen im Land um die prägnanten und die Städte prägenden Kirchenbauten herum organisiert, erklärt der evangelische Theologe, der 2014 das grundlegende Buch „Kirchen geben Raum –Empfehlungen zur Neunutzung von Kirchengebäuden“veröffentlicht hat. Dann sei die sozial-karitative Arbeit institutionalisiert und auf die beiden großen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie verlagert worden. „Hier fehlt heute die Verbindung mit den Kirchengemeinden“, kritisiert Beste.„Die soziale Arbeit und Integration sind meiner Meinung nach aber die Bereiche, in denen den Menschen vor Ort deutlich wird, dass gemeinschaftliches Leben aus christlicher Überzeugung sinnvoll ist.“So ließen sich auch Menschen begeistern und für die Mitarbeit gewinnen, wirbt der Theologe und Architekt für den Quartiersgedanken.

 Die Frage der Kirchengebäude und ihrer Zukunft bewertet der Stadtentwicklungsexperte, der das Land NRW  beim „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen“begleitete, als seismographisch für die Kirchen.„Es gibt kaum Bauten, die mehr sprechende Gebäude sind als Kirchen. Sie sprechen von der Gemeinschaft, sie sprechen von der Transzendenz in ihrem Gebäude“, sagt Beste. „Wenn diese Gebäude aufgegeben werden, dann wird natürlich auch dieser Markenkern der Kirchen verwässert“, warnt der Experte. „Eine Kirche steht irgendwann als Gebäudetypus nicht mehr selbstverständlich fürGemeinschaft oder sakrales Leben. Das ist eine Schwierigkeit, der man sich stellen muss.“

Dass Kirchengebäude zurzeit oft „nur noch als Last, als Mühlsteine um den Hals gesehen“würden, bedauert der Kölner Stadt- und Sozialraumentwickler. „Sie sind ein Anker fürEmotionen. Sie sind ein Potenzial fürBeteiligung, fürehrenamtliches Engagement. Und sie sind –in vielen Fällen zumindest–ein ungehobenes Potenzial fürdie Möglichkeiten der Gemeinwesen-Diakonie und der Ortspastoral“, erklärt er. Obwohl sich das Ende der Volkskirchen durch die demographische und gesellschaftliche Entwicklung seit Jahrzehnten abzeichnet, sind die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland noch zu wenig darauf vorbereitet, was das für den Bestand an Kirchengebäuden und die Frage nach Erhalt oder Umnutzung der Gotteshäuser bedeutet.„Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kirchenleitungen sich wirklich intensiv mit den Möglichkeiten und den Zusammenhängen ihres Gebäudebestandes füreine erneuerte Gemeindearbeit beschäftigt haben“, so Beste.

rwm

 

„Die Kirche muss sich neu erfinden“

Der Kölner Architekt Jörg Beste engagiert sich für Baukultur und Denkmalpflege. Im Interview spricht der Experte für Kirchenumnutzungen über Chancen und Schwierigkeiten und warnt vor Fehleinschätzungen

Herr Beste, angesichts der Entwicklungen in den beiden großen Kirchen stellt sich für viele Gemeinden die Frage, wie sie künftig mit ihren Kirchengebäuden umgehen können und sollen, wenn diese nicht mehr für Gottesdienste oder andere religiöse Zwecke erhalten werden sollen: Abriss, Umbau, Neuwidmung, Verkauf… Wie sehen Sie den aktuellen Stand der Diskussion um das Thema Kirchenbauten?
Jörg Beste: Die kirchlichen Bauten sind sozusagen der harte Panzer eines weichen Individuums, das sich entwickelt. Und der harte Panzer fängt nun an zu knacken…

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Der Kölner Theologe und Städtebau-Experte Jörg Beste mahnt einen sensiblen Umgang mit überzählig gewordenen Kirchengebäuden an. Menschen identifizierten sich vor Ort hochgradig mit den Kirchenbauten, sagte er im Interview der katholischen Wochenzeitung „Neues Ruhr Wort“ (Samstag) in Gelsenkirchen. Wo die Kirchen nicht in Wertschätzung aufgegeben werden, seien unheimlich viele Leute frustriert, die sich hier heimisch gefühlt hätten. „Das war ihr Kristallisationspunkt, an dem sie viele Kernpunkte ihres Lebens wie Taufe, Hochzeit, Aussegnung oder ähnliches erlebt haben“, so Beste.

Jörg Beste (Foto: H. Engel)


Der Architekt plädierte für eine soziale Verwendung der Kirchen, ohne die sakramentale Nutzung aufzugeben. Dadurch könne in der Mitte eines Ortes eine Gravität entstehen aus kirchlicher, sakraler, kultureller und sozialer Arbeit, „die die Gemeinde wieder überzeugend und präsent werden lässt“. Die Kirchen müssten diese Sozialorientierung wollen. Dann stellten die Kirchengebäude „ein Potenzial für Beteiligung, für ehrenamtliches Engagement“ dar.
Die Kirchenleitung haben sich nach den Worten des evangelischen Theologen nicht intensiv mit den Möglichkeiten ihres Gebäudebestandes für eine erneuerte Gemeindearbeit beschäftigt. Notwendig sei Begleitung und Unterstützung von oberer Seite in den Schrumpfungsprozessen vor Ort. Die 27 katholischen Bistümer haben nach einer Umfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) seit dem Jahr 2000 rund 540 Kirchengebäude und Kapellen profaniert. Nach de…
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