Den Frieden an die große Glocke hängen

Am 21. September  läuten um 18 Uhr erstmals in ganz Europa die Glocken – gemeinsam zu Friedensgebeten und zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Dieser Tag wurde von den Vereinten Nationen zum Weltfriedenstag ausgerufen. Der Ökumenische Rat der Kirchen erklärt den 21. September zum Internationalen Gebetstag für den Frieden.

Die Verantwortlichen aller Glockenstandorte in Europa sind aufgefordert, zu diesem Anlass zum Friedensgedenken und zu Friedensgebeten einzuladen. Die Initiative wird unterstützt von der Deutschen Bischofskonferenz (Bonifatiuswerk), von der Evangelischen Kirche in Deutschland (Kulturbüro), vom Deutschen Städte- und Gemeindetag und von anderen Institutionen.

Jahrhundertelang riefen Glocken Menschen nicht nur zum Gebet, sondern informierten über Gefahren, Krieg und Frieden. Foto: Pixabay

Ding, Dong, Ding, Dong… – Zugegeben, manch einer bedauert, in Reichweite einer Kirchenglocke zu wohnen und allmorgendlich in der Frühe von Geläut geweckt zu werden. Im Alltag kaum sichtbar, sind Glocken ein vielschichtiges Kulturgut. Das soll auch am 21. September, dem internationalen Tag des Friedens, deutlich werden. Dann läuten europaweit um 18 Uhr eine Viertelstunde lang kirchliche und säkulare Glocken mit dem Ziel, das gemeinsame Kulturerbe zum Klingen zu bringen und ein verbindendes akustisches Signal zu setzen. Die Aktion ist Teil des Europäischen Kulturerbejahres 2018.

Das Motto nimmt Bezug auf Friedrich Schillers Gedicht „Das Lied von der Glo­cke“. Schiller beschreibt darin einen Glo­ckenguss – der symbolisch für ein Menschenleben steht und auf Schillers Vorstellung von einer funktionierenden Gesellschaft verweist. Dort heißt es: „Friede sei ihr erst Geläute“ – ein Auftrag, der auch heute noch Programm ist. Als noch nicht jeder eine Uhr hatte, riefen Glocken in Europa 1000 Jahre lang zur Arbeit, zum Feierabend und zum Gebet auf. Die Glocken in den Türmen der Kirchen und Rathäuser, in den Glockenstühlen der Friedhöfe und Gedenkstätten gelten daher als hör- und sichtbare Symbole eines europäischen Wertefundaments. Der Klang ist interkulturell, braucht keinen Text und keine Sprache: Ob Domglo­cke, buddhistische Tempelglocke oder Shinto-Schrein-Glocke – sie alle stehen für Feierlichkeit, Zeitmarkierung, Transzendenz und die Sehnsucht nach Frieden.

Über Grenzen hinweg

Das Europäische Kulturerbejahr unter dem Motto „Sharing Heritage“ („Das Erbe teilen“) will Europa den Europäern näherbringen und den Blick für die verbindenden Dimensionen des materiellen und immateriellen Kulturerbes öffnen – über nationale Grenzen hinweg. In Deutschland beteiligen sich zahlreiche Rathäuser, Glockentürme und Kirchen am Friedensläuten, darunter der Kölner und der Wormser Dom, die Dresdner Frauenkirche, die Marktkirche Hannover, der Hamburger Michel, die Gedächtniskirche in Berlin und die Stiftskirche Stuttgart. Aber auch zahllose kleinere Geläute vereinigen sich mit Glocken aus Estland, Schweden, Frankreich, Tschechien, Portugal, Irland und der Slowakei.

Glocken sind zugleich Zeugen und Gegenstand einer bewegten Geschichte. Sie verkündeten Krieg und Frieden – und wurden zweckentfremdet oder instrumentalisiert. Im Zuge von Kriegen wurden sie immer wieder eingeschmolzen und zu Waffen verarbeitet. Spuren davon ziehen sich bis in die Gegenwart: Für Aufmerksamkeit sorgte jüngst etwa die Frage, wie mit Glocken umgegangen werden soll, die Hakenkreuze oder NS-Inschriften tragen.
Das Nationalkomitee für Denkmalschutz verweist auch auf den Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 und das Ende des Ersten Weltkriegs 1918: „2018 ist auch ein Jahr der Erinnerung an zwei verheerende Kriege“, sagt Geschäftsstellenleiter Uwe Koch. Wie kein anderer zuvor habe der Dreißigjährige Krieg Spuren von Zerstörung in Europa hinterlassen – und verdeutliche heutzutage den „außerordentlichen Wert des Friedens für Europa“.

Anna Fries

Europaweites Glockenläuten

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