Marx zum Thema Missbrauch: „Stunde der Wahrheit“

Die katholische Kirche in Deutschland hat der Opfer sexuellen Missbrauchs gedacht – im Rahmen eines erstmals ausgerufenen Gedenktags, der auf eine Anregung von Papst Franziskus zurückgeht. Mehrere Bischöfe übten Selbstkritik, wandten sich direkt an Betroffene oder kündigten konkrete Schritte zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche an.

(Foto: Wolfgang Roucka/Erzbischöfliches Ordinariat München(CC BY-SA 3.0/Wikimedia)

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, ist nach eigenen Worten dankbar für die aktuelle „Stunde der Wahrheit“ in der Kirche. Bei einem Gottesdienst zum Gedenktag für Opfer sexuellen Missbrauchs sagte Marx am Sonntag in München: „Wir dürfen den Betroffenen, den Opfern, dankbar sein, dass sie sich geäußert haben, dass sie sprechen, oft nach Jahrzehnten, was schmerzhaft ist für viele von ihnen.“ Der Erzbischof von München und Freising ergänzte, auch den Medien gelte Dank dafür, „dass die Aufmerksamkeit gewachsen ist für dieses manchmal verschwiegene, verborgene, verheimlichte Unrecht, für diese Gewalt, die vielen Menschen weltweit angetan wurde und wird“.

Verantwortung der ganzen Kirche

Weiter erklärte der Kardinal: „Endlich wird offenbar, was geschieht, und es wird darüber gesprochen, und es wird nach Heilung gesucht, nach Prävention, nach Überwindung.“ Auch sagte Marx: „Wir haben versagt, und wir waren wie in einem Verblendungszusammenhang: nicht hinsehen wollen, nicht wahrhaben wollen, was geschieht, es kleinreden, es nicht anhören, all das ist immer wieder geschehen. Und damit muss Schluss sein!“

Es sei eine Verantwortung der ganzen Kirche, besonders der Bischöfe, Priester und Verantwortlichen, „aufmerksam zu sein und nie wieder zuzulassen, dass übersehen wird, nicht hingehört wird, vertuscht und verschwiegen wird“, so Marx. Die Kirche werde an ihrem Handeln gemessen werden.

Künftig müsse die Präventionsarbeit noch intensiver werden. Es gehe auch darum, „dass wir lernen müssen, anders Kirche zu sein, transparenter, offener, nicht in geschlossenen Kreisen, nicht die einen gegen die anderen, sondern im Miteinander, im Lernen von der Welt“. Kirche brauche dafür die Gesellschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse und die kritische Begleitung der Öffentlichkeit. Marx forderte: „Wir dürfen nicht nachlassen und wieder in den alten Trott verfallen. Wir müssen wirklich sehen: Hier ist ein Weckruf an uns ergangen, den wir nicht beschwichtigen und relativieren sollten.“

„Evangelium ad absurdum geführt“

Verantwortliche für sexuellen Missbrauch haben nach Worten des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf keinerlei Entschuldigung. „Weder entschuldigen gesellschaftliche Stimmungen oder die Behauptung, dass man eben früher anders mit so etwas umgegangen sei“, sagte er am Sonntag im Mainzer Dom. Missbrauchstäter in der Kirche hätten „das Evangelium ad absurdum geführt“. Kohlgraf äußerte sich aus Anlass des von Papst Franziskus angeregten Gedenktags für die Opfer sexuellen Missbrauchs.

Er könne nachvollziehen, dass manche Menschen keine Bekundungen von Betroffenheit der Bischöfe mehr hören wollten, so Kohlgraf weiter. „Es müssen konsequente und konkrete Schritte gegangen werden, die wohl hätten längt erfolgen können.“ Zwar gebe es Leitlinien und Prävention, „aber die Sichtweise der Betroffenen wurde selten ernst genommen“. In Gesprächen mit verschiedenen Betroffenen habe er erfahren, dass diese „bestenfalls als ‚Fälle‘ abgefertigt wurden“.

Arbeitsgruppe angekündigt

Der Bischof kündigte für seine Diözese die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, die sich mit der Aufarbeitung befassen werde. Dafür werde das Bistum Mainz externe Hilfe in Anspruch nehmen, etwa von Juristen, Psychologen und der Polizei. „Über weitere Maßnahmen zur Kontrolle kirchlicher und bischöflicher Macht müssen wir reden“, betonte Kohlgraf. Er ahne, dass seine Gespräche mit Betroffenen „ein Tropfen auf den heißen Stein“ seien, wolle aber zeigen, „dass die Menschen keine ‚Fälle‘ sind, keine Akten, die bearbeitet und dann beiseite gelegt werden sollen“.

Im Bistum Limburg sollen noch in diesem Jahr die Weichen für die konkrete Aufarbeitung und den Umgang mit Missbrauchsfällen gestellt werden. Ein „Projektfahrplan“ sei bereits in Arbeit, sagte Bischof Georg Bätzing laut Mitteilung des Bistums vom Sonntag. „Worte sind genug gemacht. Wir müssen ins Handeln kommen“, betonte der Bischof.

„Kulturwandel“ angemahnt

Am Freitag hatte Bätzing sich mit über 150 Seelsorgern des Bistums ausgetauscht. Diese hätten einen „Kulturwandel“ im Umgang mit Missbrauchsfällen angemahnt, hieß es weiter. Künftig werde es neben einem männlichen auch eine weibliche Kontaktperson als Beauftragte für Betroffene geben. Auch über Veränderungen im kirchlichen Prozessrecht müsse gesprochen werden.

Die Seelsorger betonten demnach, es brauche eine externe Begleitung. Die Kirchenleitung sei „an vielen Punkten zu lange blind gewesen“ und habe geschwiegen, so ihre Kritik. Bätzing erklärte, ein „Weiter so“ dürfe und werde es nicht geben: „Kirchenentwicklung, der Basisprozess in unserem Bistum, wird sich daran messen lassen müssen, wie es uns gelingt, die Empfehlungen aus der Studie zu diskutieren und umzusetzen“, so der seit September 2016 amtierende Limburger Bischof.

Mertes: „Tiefe Institutionskrise“

Zur Aufarbeitung gehöre auch das Gedenken an Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren hätten, betonte Kohlgraf. Es könne und solle an diesem Tag nicht darum gehen, Vergebung einzufordern. „Wir reden oft zu leichtfertig von Schuld und Vergebung“, so der Bischof. Für manche Betroffenen im Bistum Mainz werde es keine irdische Gerechtigkeit mehr geben. Er hoffe, dass Gott Gerechtigkeit schaffen werde. Doch, so Kohlgraf: „Das darf keine Vertröstung sein und keine Entschuldigung, nicht alles zu tun, was uns möglich ist, Menschen gerecht zu werden.“

An dem Gedenktag gab es unterdessen auch Kritik. Jesuitenpater Klaus Mertes betonte, die Kirche stecke in einer „tiefen Institutionskrise“. Diese lasse sich nicht von „irgendwelchen Buß-Gottesdiensten und neuen Gedenktagen“ überdecken, so Mertes bei domradio.de. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte, der Gedenktag könne zur Sensibilisierung beitragen – eine jährliche Sonntagsrede alleine reiche aber nicht.

„Ein Mittel, dass das Thema nicht wieder wegrutscht“

Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, bezeichnete den Gedenktag als „ein Mittel, dass das Thema nicht wieder wegrutscht“. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sprach von einer „Mahnung und Forderung, alles zu tun, dass sexueller Missbrauch in Zukunft verhindert wird“.

Im Zusammenhang mit der im September veröffentlichten Missbrauchsstudie hatten Kritiker der Kirche immer wieder vorgeworfen, der Justiz keine Akteneinsicht zu gewähren. Bischof Ackermann und etliche Bistümer haben unterdessen „volle Kooperationsbereitschaft“ mit der Justiz angekündigt.

Bistum Essen stellt 41 Akten Staatsanwaltschaft zur Verfügung

Das Bistum Essen teilte nun mit, der Staatsanwaltschaft würden 41 Akten über mögliche Missbrauchsfälle zur Verfügung gestellt. In den betreffenden Fällen müsse man davon ausgehen, dass es sich bei den Beschuldigten tatsächlich um Täter handle, sagte Bistumssprecher Ulrich Lota.

Ackermann sagte dem „Spiegel“, man wolle die Archive für unabhängige Fachleute öffnen: „Es ist klar, dass die nun folgende Aufarbeitung keine interne Sache mehr sein kann.“ Der Bischof räumte auch Defizite in der Aufarbeitung ein: „Man hat das Thema offensichtlich nicht in allen Diözesen so prioritär behandelt, wie es erforderlich gewesen wäre.“

Fachtagung der Bischofskonferenz

Über das Thema wollen die Bischöfe auch zu Wochenbeginn während ihres Treffens beim Ständigen Rat in Würzburg beraten. Am Freitag findet zudem in Köln eine Fachtagung der Bischofskonferenz statt. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) beschäftigt sich auf seiner bevorstehenden Herbstvollversammlung in Bonn mit dem Thema.

Ende September hatten die Bischöfe die Studie zum sexuellen Missbrauch vorgestellt. In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 hatte das von den Bischöfen beauftragte Forscherteam Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden. Die Experten gehen zudem von weiteren Fällen aus, die nicht in den Akten erfasst sind.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte festgelegt, den Gedenktag für Opfer sexuellen Missbrauchs im zeitlichen Umfeld des durch den Europarat initiierten „Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch“ zu begehen. Dieser Tag ist seit 2015 jeweils der 18. November.

kna/rwm
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