Forscher: Auch Nonnen haben im Mittelalter Bücher hergestellt

Auch Nonnen haben offenbar im Mittelalter an Buchmalereien mitgewirkt. Darauf deuten Pigmente von kostbarem Lapislazuli hin, die Wissenschaftler im Zahnstein einer Frau gefunden haben, die im 12. Jahrhundert im Kloster Dalheim in Westfalen gelebt hat.


Unterkiefer einer mittelalterlichen Frau: Der Zahnstein enthält Lapislazuli-Pigmente, die darauf hindeuten, dass die Frau an der Erstellung wertvoller religiöser Bilderhandschriften arbeitete.
(Foto: © Christina Warinner)

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte und der Universität York hat einen direkten Beleg für die Beteiligung von Frauen an der Herstellung illustrierter Manuskripte, auch Bilderhandschriften genannt, im Mittelalter gefunden. Lapislazuli-Pigmente im Zahnstein einer Frau, die auf dem Friedhof eines deutschen Klosters aus dem 12. Jahrhundert begraben wurde, legen den Forschern zufolge nahe, dass sie wertvoll illustrierte religiöse Texte erstellte.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Nonne die Pinselspitze beim Arbeiten immer wieder anleckte oder das Puder beim Herstellen der Farbe einatmete. „Wir haben viele Szenarien durchdacht, wie dieses Mineral in den Zahnstein dieser Frau gelangt sein könnte“, erklärte Ko-Autorin Anita Radini. „Basierend auf der Verteilung des Pigments in ihrem Mund kamen wir zu dem Schluss, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass sie selbst mit dem Pigment malte und die Pinselspitze beim Arbeiten immer wieder anleckte“, sagte Ko-Autorin Monica Tromp vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Laut Darstellung lebte die Ordensfrau um die erste Jahrtausendwende – vermutlich zwischen 997 bis 1162 – in dem westfälischen Frauenkloster bei Paderborn. Als sie starb, war sie demnach zwischen 45 und 60 Jahre alt. Lapislazuli war im Mittelalter enorm wertvoll: Es wurde damals aus Afghanistan importiert. Die Herstellung des ultramarin-blauen Farbpigments war ein aufwändiger Prozess.

Die Erkenntnisse werfen nach Angaben der Forscher ein neues Licht auf die mittelalterliche klösterliche Buchherstellung. Viele Schreiber und Illustratoren signierten ihre Werke nicht; die weit überwiegende Zahl signierter Handschriften stammt von Männern. Die geringe Sichtbarkeit des Beitrags von Frauen an der Herstellung der Bilderhandschriften habe verbreitet zu der Annahme geführt, dass Frauen hierbei kaum eine Rolle spielten, so die Wissenschaftler. Dass eine Frau mit der kostbaren Farbe gearbeitet hat, deute ihre hohe Kunstfertigkeit an.

 

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