Bistum Mainz setzt unabhängigen Missbrauchsermittler ein

Ulrich Weber soll verborgenes Wissen über sexuelle Gewalt „heben“

Das Bistum Mainz will mit externer Hilfe bislang unbekannten Missbrauchsfällen seit 1945 auf die Spur kommen. Der schon im Fall der Regensburger Domspatzen tätige Rechtsanwalt Ulrich Weber soll unabhängig aufklären.

Ulrich Weber wird schnell konkret: „Ab heute Nachmittag kann jeder Gesprächsbereite sich bei mir melden.“ Seit diesem Freitag untersucht der Regensburger Rechtsanwalt als unabhängiger Ermittler Fälle von sexueller Gewalt im Bistum Mainz seit 1945. Weber wurde vom Bistum mit einem auf zwei Jahre angesetzten „unabhängigen Aufklärungsprojekt“ beauftragt. Ziel sei es, „verborgenes Wissen“ ans Licht zu bringen, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Freitag bei der Vorstellung des Projekts. Dessen Titel lautet: „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen.“

Bischof Peter Kohlgraf (Foto: Bistum Mainz)

Weihbischof Udo Markus Bentz ergänzte, es gehe darum, „Wissen zu heben“. Weber hatte mit seinem Team bereits die Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen untersucht. Laut dem 2017 veröffentlichten Abschlussbericht Webers wurden 547 Regensburger Domspatzen seit 1945 „mit hoher Plausibilität“ Opfer von Übergriffen. 67 Domspatzen sind demnach sexuell missbraucht worden.

Seine Ermittlungserfahrung will das Bistum nun „für einen eigenen Aufklärungsprozess nutzen“, wie der Anwalt sagte. Er kam in den seit Ende April geführten Vorgesprächen zu der Überzeugung, „dass ich im Rahmen des nun geschlossenen Vertrages unabhängig arbeiten kann“. Er werde „nach ausführlichen Gesprächen mit möglichst vielen aussagewilligen Beteiligten und intensivem Studium aller verfügbaren Akten und Unterlagen aus den Jahren 1945 bis heute“ am Ende einen anonymisierten Abschlussbericht vorlegen. Weber wird dabei laut Bentz zwar „nicht Akte für Akte durchsuchen“, er könne aber grundsätzlich auf alle Akten zugreifen.

Kohlgraf berichtete, ihm selbst hätten in den vergangenen Monaten von Missbrauch betroffene Gesprächspartner „mehrfach signalisiert, dass sie von weiteren, dem Bistum bislang noch nicht bekannten Taten und auch Betroffenen wissen“. Der Bischof sagte wörtlich: „Ich bitte daher nachdrücklich alle, die zur Aufklärung beitragen können, den Kontakt mit Herrn Weber zu suchen.“ Dies gelte für die Betroffenen von sexueller Gewalt ebenso wie für Menschen in deren Umfeld, also Angehörige, Freunde oder Lehrer sowie Mitarbeiter des Bistums. Alle Gespräche mit Weber und dessen Mitarbeitern seien vertraulich und blieben im Schutz der Anonymität. Für die Kontaktaufnahme hat Weber unter www.uw-recht.org eine eigene Internetseite freigeschaltet.

Weber soll auch untersuchen, ob es Rahmenbedingungen im Bistum gibt, die sexuelle Gewalt befördert oder nicht verhindert haben. Und wie mit Fällen sexueller Gewalt umgegangen wurde, nachdem sie bekannt geworden waren. Ehrliche Aufklärung brauche zusätzlich zu internen Bemühungen den Blick von außen, sagte Kohlgraf. Und Bentz, der auch Generalvikar ist, betonte: „Wichtig ist uns, dass Herr Weber wirklich unabhängig arbeitet. Es ist sein Projekt, in dessen Verlauf wir ganz bewusst auf Einflussnahme verzichten.“

Das Bistum hatte am 8. Februar den Generalstaatsanwaltschaften Koblenz und Frankfurt Listen mit 199 dokumentierten Sachverhalten, „die in einem sexuellen Kontext stehen beziehungsweise stehen könnten“, zur Prüfung überlassen. Dabei geht es laut den Ermittlern um Fälle ab 1942. Die zuständigen Staatsanwaltschaften prüfen, ob ein Anfangsverdacht vorliegt und ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird.

Dabei seien auch Fälle aufgelistet worden, die nicht Gegenstand der im September von der Bischofskonferenz veröffentlichten Missbrauchsstudie (MHG-Studie) waren, etwa von Mitarbeitern, die nicht Geistliche sind. Im Zusammenhang mit der MHG-Studie hatte das Bistum im September bekanntgegeben, dass es nach Auswertung von Akten aus den Jahren 1946 bis 2017 im Bistum Missbrauchsvorwürfe gegen 51 Priester und zwei Diakone gab. Den 53 Beschuldigten wurden den Angaben zufolge 169 Opfer zugeordnet, von diesen seien 122 männlich und 47 weiblich.

Bentz bestätigte, dass es auch „aktuell Fälle im Bistum gibt, bei denen Voruntersuchungen und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eine Rolle spielen“. Welche Dimension des Missbrauchs Weber zu Tage fördern wird, ist unklar: „Ich springe ins kalte Wasser, dessen Tiefe ich nicht kenne.“

Von Norbert Demuth (KNA)

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