„Bolivien braucht einen friedlichen und aufrichtigen Dialog“

„Bolivien braucht jetzt einen friedlichen und aufrichtigen Dialog.“ Der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Michael Heinz SVD, hat sich nach dem Rücktritt des bolivianischen Präsidenten am Sonntag, 10. Dezember 2019, ausdrücklich dem Aufruf der bolivianischen Bischöfe angeschlossen. „Wir rufen alle Bolivianer zum Frieden auf, und keine Akte der Gewalt zu begehen“, erklärten die bolivianischen Bischöfe. „Wir sind alle verpflichtet, das Leben aller Bolivianer zu verteidigen.“

(Foto: Achim Pohl/Adveniat)

Für den Adveniat-Hauptgeschäftsführer ist Evo Morales ist ein weiteres Beispiel für die mit der Zeit von der Macht korrumpierten Präsidenten Lateinamerikas. „Seit seinem Amtsantritt 2006 hat das Leben sehr vieler Armer in Bolivien entscheidend verbessert. Insbesondere der indigenen Bevölkerungsmehrheit hat der ehemalige Gewerkschaftsführer aus dem Volk der Aymara ein bis dahin nicht gekanntes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gegeben.“ Umso tragischer sei es, dass er – anstatt wie von der Verfassung vorgesehen – es versäumt habe nach zwei Amtszeiten auf das Amt zu verzichten und eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger in seiner Partei dem ‚Movimiento al Socialismo‘ (MAS) aufzubauen. „Er hat an der Macht geklebt. Auch er ist am Ende zu einem Caudillo geworden, wie die autoritären Populisten in Lateinamerika genannt werden“, erläuterte Adveniat-Chef Pater Heinz. Diese Entwicklung sei in verschiedenen Ländern Lateinamerikas zu beobachten.

Von der deutschen Bundesregierung erwartet der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat mehr als die üblichen Durchhalteparolen und Aufrufe zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. „Deutschland und Europa müssen sich ernsthaft für die Länder Lateinamerikas interessieren, anstatt sie nur als Rohstofflager auszuplündern. Auch im Falle Boliviens fehlt es an einer strategischen Außenpolitik, die darauf aus ist, das Leben der vielen Armen nachhaltig zu verbessern. Hilfswerke wie Adveniat werden mit ihren Partnern vor Ort damit alleingelassen. Die Bundesregierung unterstützt vor allem Wirtschaftsunternehmen dabei, mit den Reichen der lateinamerikanischen Länder lukrative Verträge über die Ausbeutung von Bodenschätzen abzuschließen“, kritisiert Pater Heinz.

Mit großer Sorge erfüllt den Adveniat-Chef, der selbst zehn Jahre als Priester in Bolivien tätig war, der Blick in die Zukunft: „Es ist vollkommen unklar, wie es nun weitergeht. Das polarisierte Land darf nicht im Chaos versinken. Denn die Verlierer werden einmal mehr die Armen und die indigenen Völker sein.“ Dem Rücktritt Morales‘ waren bereits drei Wochen gewalttätiger Proteste vorausgegangen. Es ist aktuell nicht zu erkennen, dass sich die Lage durch den Rücktritt schnell beruhigen wird. „Das ständige Gerede von links und rechts und die Beschimpfung des politischen Gegenübers als ‚Kommunist‘ oder ‚Kapitalist‘ vergiften die politische Debatte und spalten die Gesellschaft. Diese einfachen Kategorien funktionieren längst nicht mehr. Die Politik muss danach bewertet werden, ob sie den sozialen Frieden im Land fördert, Ressourcen und Gewinne gerecht verteilt, Zukunfts- und Arbeitsperspektiven für die Menschen schafft und sich eines nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt verpflichtet“, so Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Heinz.

Die Menschen in Bolivien sehnen sich wie in ganz Lateinamerika nach Frieden. Deshalb hat das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die diesjährige bundesweite Weihnachtsaktion der katholischen Kirche unter das Motto gestellt: „Friede! Mit Dir!“ Bildungsprojekte, die junge Menschen von Armut befreien, Friedensprojekte, die Konfliktparteien wieder an einen Tisch bringen, Menschenrechtsarbeit zugunsten indigener Völker und Landwirtschaft im Einklang mit Mensch und Natur – das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt zahlreiche Initiativen, die der Bevölkerung ein Leben in Frieden untereinander und mit der Umwelt ermöglichen. Grundvoraussetzung dafür sind weltweite Solidarität und verantwortliches Handeln im Alltag auch hierzulande.

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