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Vatikan in Finanznot

Dauerdefizit, unsichere Einnahmen und jetzt auch noch unabsehbare Pandemiefolgen: Erstmals seit Jahren zeichnet der Finanzchef des Papstes ein Lagebild. Es fällt apokalyptisch düster aus.

Der Vatikan steht vor gewaltigen Finanzeinbußen. Nach der optimistischsten internen Schätzung werden die Einnahmen um 25 Prozent zurückgehen; vielleicht werden es aber auch 45 Prozent weniger – je nach Entwicklung von Spenden, Zuwendungen aus der Weltkirche, Einnahmen aus den Vatikanischen Museen, Mieten und Renditen. Es ist das erste Mal, dass der neue Vatikan-Finanzchef Juan Guerrero ein Lagebild zeichnet – und dann gleich ein so düsteres.

Nachdem die Missbrauchsskandale und eine Investment-Affäre des vatikanischen Staatssekretariats die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche belasteten, schlägt als weitere Plage nun das Coronavirus zu. Man stehe vor „sehr schwierigen Jahren“, sagte Guerrero am Mittwoch. Der 61-jährige spanische Jesuit, seit Januar Nachfolger von Kardinal George Pell an der Spitze des Wirtschaftssekretariates, äußerte sich auf dem hauseigenen Internetportal Vatican News. Mit allzu kritischen Nachfragen hatte er dort nicht zu rechnen.

Seit 2015 wurden die Bilanzen des Heiligen Stuhls, also der Zentralverwaltung der katholischen Kirche, und des Vatikanstaates nicht mehr veröffentlicht. Jetzt erklärt Guerrero: Die vergangenen Jahre verzeichnete der Heilige Stuhl bezogen auf Gesamtausgaben von jeweils rund 320 Millionen Euro ein Defizit von 60 bis 70 Millionen.

Dass die Kurie vom Mammon nicht geliebt wird, ist kein Geheimnis. Über Jahrzehnte stiegen die Kosten der Kirchenverwaltung, nicht zuletzt durch den Ausbau diplomatischer Vertretungen. Spendenzuflüsse entwickelten sich nicht entsprechend. Die anhaltende Niedrigzinsphase erschwerte es der päpstlichen Vermögensverwaltung, dem Staatssekretariat und der reichen Missionskongregation, mit sicheren Anlageformen Renditen für ihre laufenden Ausgaben zu erwirtschaften.

Seit geraumer Zeit geistert das Gespenst des Sparzwangs durch den Apostolischen Palast. Mit Beginn der Corona-Krise ist sogar von Nichtverlängerung befristeter Arbeitsverträge, Einstellungsstopps und Kurzarbeit die Rede. Die Kurienreform von Papst Franziskus setzt ausdrücklich auf Synergien und mehr Effizienz, will aber auch die Kirche missionarischer gestalten.

Allein auf die Kommunikationsabteilung entfallen 15 Prozent des Etats. Mehr als 500 Beschäftigte arbeiten dafür, das Wort des Papstes in 36 Sprachen zu verbreiten. Nicht zufällig sind „Mission“ und „Dienst“ Schlüsselworte in Guerreros Beitrag auf dem hauseigenen Portal.

„Wir sind kein Unternehmen“, sagt Guerrero. „Unser Ziel ist nicht, Profit zu machen. Jede Kurienbehörde, jede Einrichtung übt einen Dienst aus. Und jeder Dienst hat seine Kosten.“ Guerrero verteidigt die Praxis, Spenden von Gläubigen für die Kirchenverwaltung zu verwenden. Es sei „nicht gerecht“, das als ein Stopfen von Haushaltslöchern zu bezeichnen. Die Spenden finanzierten „die Mission des Heiligen Stuhls, die die päpstliche Caritas einschließt“.

Die Internetseite des sogenannten Peterspfennigs, einer weltweiten Sammelaktion für den Papst, gibt vor allem „Werke der Nächstenliebe“ und die Unterstützung der Ärmsten als Spendenzweck an. Die Kollekte geriet im Herbst 2019 in den Fokus. Offenbar waren die Gaben teils in eine Londoner Immobilie geflossen. Die Anlage, vermutlich in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe, erwies sich als riskant. Inzwischen ermittelt der Vatikan gegen eigene Mitarbeiter wegen Korruption.

In der Vergangenheit habe der Heilige Stuhl mitunter „Personen vertraut, die kein Vertrauen verdienen“, sagt Guerrero. Durch „mehr Transparenz, weniger Geheimniskrämerei“ gelte es Fehler zu verhindern. Auch will der Jesuit eine zentralisierte Vermögensanlage. Eine Arbeitsgruppe befasse sich schon seit Monaten mit sozialverträglichen und ökologisch-nachhaltigen Anlagekonzepten.

Wie sich die Corona-Krise auf Spenden und Bistumszuwendungen niederschlägt, will Guerrero nicht prognostizieren. Man vertraue auf die Gebewilligkeit der Gläubigen – müsse aber auch zeigen, dass das Geld gut eingesetzt werde. Einsparungen soll es in der Personalverwaltung und bei Ausschreibungen geben. Kürzungen bei Löhnen, Hilfen für sozial Bedürftige und notleidenden Kirchen stünden außer Diskussion.

Dafür, dass er eine der machtvollsten Positionen in der katholischen Kirche innehat, bleibt Guerrero manchmal etwas unbestimmt. Zu einer Wiederaufnahme der jährlichen Bilanzpressekonferenzen sagt er: „Ich wünschte, das könnte schon dieses Jahr sein.“ Und gefragt, ob der Vatikan wirklich vor einer Pleite stehe: „Nein. Ich glaube nicht.“

Von Burkhard Jürgens (KNA)
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