Gelsenkirchen: Scharfe Kritik an Kirchengemeinde

Bürger in Gelsenkirchen-Hassel wehren sich gegen Pläne, auf einem Kirchengelände an der Polsumer Straße einen Supermarkt zu bauen. Die Pfarrei St. Urbanus will das Grundstück verkaufen. Auch die Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen haben Einwände.

Kirche St. Theresia

Burkhard Wüllscheidt von den Grünen im Gespräch mit Hasseler Bürgern vor der Kirche St. Theresia. -Foto: Heselmann

Markus Schilde ist sauer. In dieser Woche hatten er und seine Frau Mareike einen Brief bekommen, in dem man ankündigte, dass seine Wohnung ihm demnächst gekündigt würde. „Man“: Das ist in diesem Fall sein Vermieter, die Kirchengemeinde St. Urbanus. Markus und Mareike Schilde wohnen gemeinsam mit ihrer Tochter im ehemaligen Küsterhaus an der Kirche St. Theresia in Hassel. Ein Investor will der Gemeinde das Gelände abkaufen, dort sollen demnächst eine Kita und ein Supermarkt entstehen. Außer der Kirche selbst sollen alle Gebäude abgerissen werden.

Gegen diese Pläne regt sich Protest, und zwar deutlich sichtbarer: Am Bauzaun, der um die Kirche herum steht, hängen seit einiger Zeit Transparente. „Noch ein Supermarkt? Nein danke!“ ist auf ihnen zu lesen, und „Für ein grünes Hassel. Gegen die Betonwüste.“

Zehn Teilnehmer wurden erwartet – so viele kamen tatsächlich

Für Mittwochnachmittag hatte die Grüne Ratsfraktion zu einer Begehung des Geländes eingeladen. Karl Henke, Bezirksverordneter der Grünen, zeigte sich überrascht von der großen Zahl der Teilnehmer. „Ich hätte mit maximal zehn Leuten gerechnet“, sagte Henke – tatsächlich waren es etwa 40 Menschen, die sich auf dem Kirchengelände versammelten, zum großen Teil Anwohner. Das Thema bewegt, das wurde im Laufe der Diskussion deutlich.

Vor allem Friedrich Klute, Verwaltungsleiter der Pfarrei St. Urbanus, hatte keinen leichten Stand. Viele der Anwohner warfen der Gemeinde vor, den erstbesten Investor gewählt zu haben, ohne sich um die Folgen zu kümmern. „Die Kirche gibt hier ein ganz trauriges Bild ab“, konstatierte ein Teilnehmer.

Urbanus-Verwaltungsleiter verteidigt die Pläne

„Es ist für die Gemeinde einfach nicht rentabel, ein Grundstück von 9000 Quadratmetern mit lediglich einem Pfarrheim und einigen Wohnungen darauf zu nutzen“, sagte Klute. Es hätte zwar andere Angebote für das Gelände gegeben, allerdings sei die Vermarktung schwierig, weil die Kirche unter Denkmalschutz steht und dementsprechend viele Auflagen zu beachten sind. „Das derzeit diskutierte Angebot des Investors ist das einzige, das dem Kirchengebäude neues Leben einhaucht“, so Klute.

Die Grünen hinterfragen die Realisierbarkeit eines Supermarkts mit Vollsortiment auf einem Gelände dieser Größenordnung. „Damit wären die vielen sehr großen Bäume zur Disposition gestellt und möglicherweise noch eine größere Flächenversiegelung zu befürchten. Die klimarelevanten Auswirkungen einer möglichen weiteren Versiegelung des Geländes mit Fällung des umfangreichen Baumbestandes sind bisher nicht ausreichend berücksichtigt“, so Burkhard Wüllscheidt, Sprecher im Stadtentwicklungsausschuss.

Bürger können sich bei der Gemeinde melden

Am 25. Juni soll das Projekt im Rat der Stadt Gelsenkirchen die erste Hürde nehmen – die SPD hatte schon Zustimmung signalisiert. Wüllscheidt wies aber darauf hin, dass sich die Bürger im Rahmen des Beteiligungsverfahrens noch in die Planungen einbringen könnten – „außerdem können Sie bei der Kommunalwahl im September auch für andere Machtverhältnisse sorgen“, so der Politiker.

Auch Ludger Klingeberg, Pressereferent der Pfarrei St. Urbanus, begrüßt ausdrücklich die öffentliche Meinungsbildung über die Zukunft des Areals. „Wir laden alle Interessierten ein, mit den Entscheidungsträgern der Pfarrei in einen direkten Dialog zu treten.“ Dazu bestehe die Möglichkeit unter der E-Mail-Adresse zukunft-theresia@urbanus-buer.de Kontakt mit der Pfarrei aufnehmen oder unter Tel. (02 09) 38 60 00 im Pfarrbüro einen Gesprächstermin vereinbaren.

Markus Schilde wohnt seit 2010 im ehemaligen Küsterhaus. Er hat von den Plänen, die den Abriss seines Hauses vorsehen, aus dem Internet erfahren – wenige Tage später wurde ihm per Post die Kündigung angekündigt. Er sieht deutlichen Gesprächsbedarf.

Matthias Heselmann
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