Schul-Debatte: Warnung vor „verlorener Generation“

Nach der teilweisen Wiederaufnahme des Schul-Unterrichts zieht der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, vorerst eine gemischte Bilanz. Bei den einzelnen Kindern gebe es einen „extrem unterschiedlichen Leistungsstand“, sagte Meidinger der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag).

((Symbolfoto: Taken /Pixabay)

Manche Kinder hätten sich während des Home-Schoolings in der Corona-Pandemie stark engagiert, bei anderen Mädchen und Jungen wiederum sei zuhause „gar nichts passiert“. Allerdings wolle er von einem verlorenen Schuljahr nicht sprechen: Das sei ein „hartes Urteil – soweit würde ich nicht gehen“. Meidinger forderte einen „Masterplan, wie die entstandenen Lücken vor allem bei der Gruppe der abgehängten Schüler geschlossen werden können“.

Riskantes Experiment mit der Gesundheit der Kinder und Lehrer

Erneut warnte er davor, den Schulbetrieb bereits jetzt voll aufzunehmen. „Die Ankündigung in Thüringen und Sachsen, an den Schulen bald auf Abstandsregeln zu verzichten und wieder alle Schüler in den Präsenzunterricht zu holen, kommt mir zu schnell und zu unvorbereitet.“ Denn ein solcher Schritt setze ein neues Hygiene- und Gesundheitsschutzkonzept voraus, „das man nicht so einfach aus dem Hut zaubern kann“.

Dann würden Atemschutzmasken im Unterricht, umfassende Testungen, kleine Lerngruppen und regelmäßiges Lüften notwendig. „Das derzeit geltende Hygienekonzept der Kultusministerkonferenz müsste komplett überarbeitet werden“, so Meidinger. Trotzdem bleibe ein schlechtes Gefühl, „ob wir mit einer kompletten Schulöffnung nicht doch in ein riskantes Experiment mit der Gesundheit unserer Kinder und Lehrer gehen, dessen Ausgang niemand kennt“.

Deutsches Kinderhilfswerk warnt vor Sptäfolgen

Das Deutsche Kinderhilfswerk warnte unterdessen vor Spätfolgen für Kinder und Jugendliche angesichts von Schul- und Kitaschließungen. „Die Normalisierung des Schul- und Kitabetriebes muss jetzt zügig vonstatten gehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Kollateralschäden auswachsen“, sagte Präsident Thomas Krüger der „Welt“. Bildungsforscher wiesen darauf hin, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf durch die Corona-Einschränkungen jetzt schon überproportional abgehängt würden – bei schulischen Leistungen und im „sozialen Miteinander“.

Ökonomen zufolge werde die junge Generation auch auf dem Arbeitsmarkt mit größeren Nachteilen konfrontiert sein, so Krüger: „Es droht eine Generation, die Corona ausbaden muss.“ Die Jugend stehe heute vor enormen Herausforderungen. „Wir bekommen es hier, wenn wir nicht schnell den Weg der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas gehen, womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun.“

„Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung nicht möglich“

Dass Kindern ihre Lehr- und Lernumgebung vorenthalten worden sei, habe Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben, so Krüger. „Es ist ein schwerer Eingriff in ihre Lebenswelt, in ihre Grundrechte und beeinträchtigt ihre psychosoziale Entwicklung.“ Was derzeit an Unterricht laufe, sei zu wenig. „Wenn Schule sich nur auf die Kernfächer fokussiert und Sport und musische Fächer ganz weglässt, ist eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung nicht möglich.“

kna
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