Contilia: Proteste gegen Krankenhaus-Schließung

In Essen haben am Freitagnachmittag rund 300 Menschen gegen die Pläne der Contilia protestiert, zwei Krankenhäuser zu schließen.

Essen – Svetlana Josic arbeitet seit 25 Jahren im St.-Vincenz-Krankenhaus. Jetzt haben sie die Pläne des Krankenhausträgers Contilia, das Haus zu schließen, völlig überrascht. Sie ist betroffen und hofft, eine neue Stelle im St.-Elisabeth-Krankenhaus zu finden. Kirill Zakharkov ist Kardiologe im Stoppenberger Krankenhaus. Auch er ist fassungslos über die jüngsten Entscheidungen für die Essener Krankenhauslandschaft. Er kann sich nur schwer vorstellen, dass die angekündigten neuen Strukturen umsetzbar sind. Am Freitagnachmittag sind sie mit weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit Altenenessener Bewohnerinnen und Bewohnern, auf dem Marktplatz am Allee-Center in Altenessen zusammengekommen, um gegen die Pläne des katholischen Krankenhausträgers Contilia zu demonstrieren.

(Foto: Ulrike Beckmann)

Denn in der vergangenen Woche hatte das Unternehmen angekündigt, seine Tochter Katholisches Klinikum Essen GmbH (KKE), zu dem das Stoppenberger Krankenhaus und das Altenessener Marienhospital gehören, zwar nicht mehr verkaufen zu wollen, den ursprünglich geplanten Neubau des Marienhospitals aber nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen sollen jetzt sowohl das Marienhospital als auch das St.-Vincenz-Krankenhaus geschlossen werden. Mit einer Kooperation mit dem Universitätsklinikum möchte die Contilia im Essener Norden eine neue medizinische Versorgungsstruktur etablieren, außerdem das Philippusstift in Borbeck für die stationäre Versorgung weiter ausbauen.

Sorge um berufliche Zukunft ist groß

Auch wenn der Krankenhausträger verspricht, die Fachbereiche des Marienhospitals und des St.-Vincenz-Krankenhauses auf die übrigen Contilia-Standorte aufzuteilen oder in weiteren Kooperationen zu realisieren, ist die Sorge der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um ihre berufliche Zukunft groß. Gerade in den Bereichen Technik, Service und Verwaltung ist die Lage heikel. Mitgeschäftsführer Jens Egert hatte bereits eingestanden, in diesen Bereichen nicht alle Arbeitsplätze erhalten zu können. Ebenso groß ist die Verärgerung der Bewohner im Essener Norden: Statt sich über den versprochenen modernen Mega-Klinikneubau freuen zu können, müssen sie zukünftig längere Strecken für ihre gesundheitliche Versorgung zurücklegen und darauf warten, dass die Contilia die Lücken in der Gesundheitsversorgung schließt – was in aller Kürze kaum zu erwarten sein dürfte. Bereits zum Herbst sollen in Altenessen Fachabteilungen schließen, für die im dann ausgebauten Philippusstift kein Platz mehr sein wird. Dazu gehören Urologie, Onkologie, Frauenklinik und Geburtshilfe.

Der Unmut ist groß. Und das war am Freitag deutlich zu spüren. Denn aus den 50 Demonstranten, mit denen Organisator und Ratsherr Karlheinz Endruschat zunächst gerechnet hatte, waren schließlich an die 300 geworden. Da das letztendlich zu erwarten gewesen war und die Corona-Abstandsregeln einzuhalten waren, hatten die Verantwortlichen die Protestveranstaltung vom Karlsplatz auf den Marktplatz verlegt. „Wir wollen zusammen kämpfen, anders wird es nicht gehen“, rief Endruschat den Demonstranten zu. Als Einstieg in den kompletten Ausstieg, bezeichnete er die „Nacht- und Nebelaktion“ der Contilia, die bisherigen Pläne rückgängig zu machen. „Wir müssen dafür sorgen, dass hier eine vernünftige stationäre Versorgung erhalten bleibt. Schließlich geht es auch um viele Arbeitsplätze“, betonte Endruschat, dem als Altenessener der Stadtteil sowie die Lage im Essener Norden auch als Bewohner am Herzen liegt. „Wer uns heute beruhigt, nimmt uns auf den Arm“, sagte er ganz deutlich.

Immense Enttäuschung

Das empfinden anscheinend auch die meisten Mitarbeiter, die in auf dem Marktplatz verlesenen Briefen zu Wort kamen. Von immenser Enttäuschung war dort die Rede, ebenso von großer Traurigkeit als Fachkraft nicht wertgeschätzt zu werden. „Zu Beginn der Coronakrise waren Sie noch systemrelevant, Sie waren die Helden der Nation. Und jetzt?“, wandte sich Unternehmensberaterin Michaela Oerding an die Demonstranten und führte diese Gedanken weiter aus. Die Contilia habe eine Schneise der Verwüstung produziert, die für eine ungeheuerliche Planlosigkeit und einen grenzenlosen Dilettantismus stünde. Dabei seien die ursprünglichen Pläne für den Krankenhausneubau ein „grandioser Wurf“ gewesen. Nicht umsonst hätte das Bistum Essen dafür die Pfarrkirche St. Johann Baptist opfern wollen, die für den Neubau hätte abgerissen werden müssen. Eine Schließung der Krankenhäuser dürfe nicht in Frage kommen. Denn „jeder kann in die Situation kommen, in der schnelle medizinische Hilfe wichtig ist“. Da könne es ein entscheidender Unterschied sein, ein Krankenhaus in zehn Minuten zu erreichen oder eine Fahrzeit von 40 Minuten auf sich zu nehmen.

„Dieser Kahlschlag muss verhindert werden“, meinte auch Dr. Theo Plajer, Borbecker Radiologe und früher im Marienhospital tätig. Der Schlingerkurs der Contilia habe auch die Ärzte sprachlos zurückgelassen. Er frage nach der unternehmerischen sowie der politischen Verantwortung, appellierte an die Entscheider, mit der „Alibi-Lösung“ nicht zufrieden sein zu dürfen. Gerne hätte mancher Demonstrant dazu Worte des Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen gehört, der unerwarteterweise ebenfalls auf dem Marktplatz erschienen war. Dafür gebe es aber sicherlich andere Plattformen, beendete Karlheinz Endruschat die Veranstaltung. Denn schließlich ging es noch für viele Richtung Marienhospital, wo sich die Demonstranten in einer Menschenkette um das Krankenhaus stellten. An die Hände durften sie sich coronabedingt dabei nicht nehmen – in ihrer Gesinnung aber nahe sein.

Ulrike Beckmann
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