Corona-Lockerungen: „Sicherheit hat das Nachsehen“

Gelsenkirchen – Die Monate seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland seien ein ständiger Spagat gewesen, erzählt Michael Lork. „Einerseits wollten wir unsere Bewohner nicht sozial isolieren“, führt der Leiter der Gelsenkirchener Senioreneinrichtung Haus St. Anna näher aus. „Andererseits mussten wir sie und unsere Mitarbeiter schützen.“ Klare Worte findet er für die jüngst von der NRW-Landesregierung beschlossenen Lockerungen für Pflegeeinrichtungen: „Die Sicherheit hat dabei klar das Nachsehen hinter der sozialen Teilhabe.“

Bitte tragen Sie sich in die Besucherliste ein: (v. r.) Einrichtungsleiter Michael Lork, Mitarbeiter Christoph Lammerding und Jürgen Hoch vom Heimbeirat. (Foto: André Przybyl)

Um seine Bewohner vor der Vereinsamung zu bewahren, hat das Haus St. Anna, das in Trägerschaft der Caritas ist, diverse Maßnahmen getroffen. „Unsere Bewohner konnten sich mit ihren Angehörige per Brief und via Skype austauschen“, erzählt der Einrichtungsleiter. „Wir haben eine Besuchsecke eingerichtet und Konzerte sowie Zirkusvorstellungen auf der Terrasse veranstaltet.“

Zwei Verdachtsfälle, die sich nicht bestätigt haben

Gleichzeitig habe der Sicherheitsaspekt stets an erster Stelle gestanden. So habe die Einrichtung die Pandemie bisher ohne eine bestätigte Sars-CoV-2-Infektion überstanden. „Wir hatte zwei Verdachtsfälle, die sich aber nicht bestätigt haben“, berichtet Lork.

Nun hat die Landesregierung weitere Lockerungen für Pflegeeinrichtungen auf den Weg gebracht: So sind laut NRW-Gesundheitsministerium körperliche Berührungen in Pflegeeinrichtungen wieder erlaubt. Auch ein Café außerhalb der Einrichtung dürfen die Bewohner besuchen. Seit 1. Juli ist außerdem gestattet, Besuch auf den Zimmern zu empfangen. Ausnahme: Einrichtungen, in denen besonders gefährdete Menschen wohnen – beispielsweise mit einer schweren Mehrfachbehinderung.

Von Plänen regelrecht überrollt

„Von den Plänen wurden wir regelrecht überrollt“, erzählt Michael Lork. „Zunächst habe ich aus der Presse von den Lockerungen erfahren.“ Seit Beginn der Krise sei die Kommunikation zwischen der Landesregierung und den Einrichtungen mangelhaft. „Im Laufe der Pandemie hat es alle zwei Tage neue Verordnungen gegeben“, erklärt der Einrichtungsleiter. „Bis wir von offizieller Seite unterrichtet worden sind, waren wir vor Ort schon einen Schritt weiter.“

Mit Sorge habe Michael Lork dem 1. Juli entgegengeblickt. „Unsere Bewohner dürften dann zwei Angehörige am Tag in ihren eigenen Zimmern empfangen“, erläutert er. „Wir haben 90 Einzel- und 15 Doppelzimmer mit insgesamt 120 Bewohnern – das zu stemmen ist unrealistisch.“

Einrichtung will anderen Weg beschreiten

So wolle die Einrichtung einen anderen Weg beschreiten. „Wir planen zunächst, maximal fünf Besucher pro Stunde einzulassen“, berichtet Michael Lork. „Die Erfahrung zeigt allerdings, dass das in der Realität schon zu hoch gegriffen ist.“ Bis auf schwerwiegende Fälle – sollte ein Bewohner beispielsweise im Sterben liegen – sollen die Treffen nur außerhalb der Zimmer stattfinden. Und geplante Spaziergänge könnten am Empfang vereinbart werden.

Dieses Konzept wird auch vom Heimbeirat mitgetragen, dem neben der Einrichtungsleitung auch Bewohner und Angehörige angehören. „Der Schutz ist das Wichtigste“, betont Jürgen Hoch, Vorsitzender des Gremiums.

Widersprüche bundesweit zu sehen

„Unsere Bewohner gehören zur Hochrisiko-Gruppe“, fährt Michael Lork fort. „Corona ist um das Vielfache infektiöser als zum Beispiel das Grippe-Virus.“ Bund und Land würden stets betonen, sich bei ihren Verordnungen an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu halten. „Die Widersprüche sind aktuell bundesweit zu sehen.“

André Przybyl
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