Regensburg nimmt Abschied von Georg Ratzinger

Regensburg – Am 1. Juli ist Georg Ratzinger mit 96 Jahren gestorben. Sechs Tage später steht nun sein Sarg in der Regensburger Stiftskirche Sankt Johann, damit die Öffentlichkeit von ihm Abschied nehmen kann.

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Die Stiftskirche St. Johann (l.) neben dem Regensburger Dom (Foto: © Andrey Shevchenko | Dreamstime.com)

Vor dem Eingang der Stiftskirche Sankt Johann gegenüber dem Hauptportal des Regensburger Doms bilden sich seit Dienstagmorgen immer wieder kleine Schlangen. In regelmäßigen Abständen lässt der Aufseher die Leute ein. Manche muss er kurz erinnern, dass sie die Mund-Nase-Maske überziehen, aber für die meisten ist das in diesen Tagen eh schon zur Selbstverständlichkeit geworden. In Ehren ergraute Häupter sind darunter, aber auch viele junge Leute sind gekommen, um dem langjährigen Domkapellmeister und Leiter der Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger, die letzte Ehre zu erweisen. Mit 96 Jahren war dieser am 1. Juli gestorben.

Wer in das Gotteshaus tritt, den umfängt ein Blumenmeer von weißen Rosen und tiefgelben Gerbera. Das Sargbukett und die im Altarraum aufgestellten Schalen sind in den Kirchenfarben gehalten, so wie es passend ist für einen Priester, der sein Leben lang Wert legte auf eine feierliche Liturgie und Tradition. In einem Kästchen haben der Bayerische Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz Platz gefunden, mit denen Ratzinger für sein Wirken geehrt wurde. Auf einem anderen Tischchen finden sich eine Stola, das Birett des Apostolischen Protonotars und der Primizkelch. Im Hintergrund ist eine Kerze mit dem Bild von Papst Benedikt XVI. zu sehen. Auch in dieser Stunde scheint ein Bruder über den anderen zu wachen.

Beten für den Verstorbenen

Kleine Zweige von Thuja-Sträuchern, die auch als Lebensbäume gelten, sind extra in einer Schüssel hergerichtet worden. Wer will, kann einen davon ins Weihwasser tauchen und damit den Sarg besprengen. Getreu den Corona-Vorschriften müssen die verwendeten Zweige gleich aussortiert werden, und natürlich fehlt auch ein Spender mit Desinfektionsmittel im Kirchenraum nicht. Die Leute nehmen sich Zeit, knien sich, wo es erlaubt ist, in den Bänken nieder und beten für den Verstorbenen. Für jeden Besucher gibt es ein Sterbebildchen mit den wichtigsten Lebensdaten von Ratzinger und einem Foto darin, das ihn mit seinem bekannten, verschmitzten Lächeln zeigt.

Am Kondolenzbuch stauen sich noch einmal kurz die Besucher. Vielen ist es wichtig, sich bei dem Mann zu bedanken, der mit seiner Musik für so unvergessliche Stunden sorgte. Auch auf der Internetseite des Bistums gingen digital seit Tagen schon viele Beileidsbekundungen aus aller Welt ein, sogar aus Hongkong und den USA. Eine ganze Reihe ist in spanischer Sprache geschrieben, aber auch ehemalige Domspatzen wie Horst Winkler danken dem lieben „Cheef“ und wünschen ihm, die Chöre der Engel mögen seine Seele erquicken.

„Singende Hände“

Rainer Schütz aus Prien am Chiemsee nennt Ratzinger prägend für seine eigene berufliche Laufbahn als Kirchenmusiker und attestiert dem Domkapellmeister „singende Hände“. Mit seiner suggestiven Kraft habe dieser einzigartige musikalische Momente zaubern können. Tobias Neumann aus München schreibt „Vergelt“s Gott!“ und setzt daran ein persönliches „Ihr Neumännle mit Familie“.

Roland Büchner, der Ratzinger als Domkapellmeister 1994 nachfolgte und selbst seit 2019 im Ruhestand weilt, gehört zu jenen, die auch zum Abschied gekommen sind. Auf seinen Vorgänger lässt er nichts kommen. Sehr nobel habe er es empfunden, dass dieser überhaupt nicht versucht habe, ihm damals reinzureden, wie er seine Arbeit zu machen habe. „Ich habe das sehr geschätzt“, sagt Büchner. Die große Linie müsse stimmen und dann passe es, sei Ratzingers Devise gewesen. Den Titel „Domkapellmeister“ hat Büchner, wie er sagt, gern getragen, weil es in Regensburg einfach ein Ehrentitel sei. Aber „Cheef“ habe er nie genannt werden wollen, was er den Domspatzen vermittelt habe.

Auftritt des Chors im Vatikan unvergessen

Unvergessen wird für Büchner der Auftritt des Chors 2009 im Vatikan bleiben, als der 85. Geburtstag von Georg Ratzinger dort in Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. begangen wurde. Mozarts Große Messe in c-Moll habe er damals bewusst als „Geschenk“ gewählt. Denn beide Brüder hätten diese einst gemeinsam bei den Salzburger Festspielen erlebt, wo sie von Traunstein aus hingeradelt seien. Wie sehr sie die Darbietung bewegt habe, „das hat mich angerührt“.

kna
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