Hans-Jochen Vogel gestorben: Spät geschätzter „Oberlehrer“ und Mahner

Bekennender Katholik und überzeugter Sozialdemokrat – das war Hans-Jochen Vogel. Mit 94 Jahren ist der letzte „elder statesman“ der SPD am Sonntag in München gestorben.

Hans-Jochen Vogel (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079283-0006 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

Hans-Jochen Vogel (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079283-0006 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

„Mehr Gerechtigkeit!“ lautete Hans-Jochen Vogels letztes Buch. Ende 2019 ist es erschienen. Darin wollte es der Sozialdemokrat aus Überzeugung noch einmal allen verantwortlichen Politikern deutlich machen, was zu ändern sei, damit Menschen einen angemessenen und bezahlbaren Platz zum Wohnen finden. Er wetterte gegen Spekulanten, die mit Unterstützung des Staates den großen Reibach machten. Das, so, seine Analyse, liege an der Bodenpolitik, die dringend zu überarbeiten sei. Nun ist das soziale Gewissen der SPD mit 94 Jahren am Sonntag in München gestorben.

Klarsichthüllen waren Vogels Markenzeichen

Auf solche Missstände hinzuweisen, wurde Vogel in seiner aktiven Zeit und im Ruhestand nie müde. Wenn der promovierte Jurist etwas genau wusste, machte er kein Hehl daraus. Und weil er bei seinen Reden gern den rechten Zeigefinger hob, verpasste man ihm den Beinamen „Oberlehrer“. Eine Sache, die ihn schmunzeln ließ: „Wobei man sich nicht daran gestoßen hat, dass das, was ich angestoßen habe, dann doch meistens richtig war.“

Klarsichthüllen waren Vogels Markenzeichen. Darin hob er fein säuberlich seine Unterlagen auf. Wer seine Notizen lesen wollte, tat sich schwer, denn alles brachte er in Sütterlinschrift zu Papier. Das politische und gesellschaftliche Geschehen interessierten ihn. Bei Tagungen, etwa in der Katholischen Akademie in Bayern, meldete er sich bis zuletzt an, allerdings stets mit dem Zusatz, sein Kommen hänge vom Gesundheitszustand ab. Seit 2014 war bekannt, dass er an Parkinson litt. Aber das hielt ihn nicht ab, sich zumindest schriftlich an kirchlichen Reformdebatten zu beteiligen und sich etwa kritisch mit dem traditionellen katholischen Verständnis von Todsünden in der Sexualmoral zu beschäftigen.

Mit 24 Jahren trat Vogel in die SPD ein

Mit 24 Jahren war Vogel 1950 in die SPD eingetreten. Er gehörte zur Generation von Kriegsteilnehmern, die sich in der Verantwortung sahen, Deutschland wieder aufzubauen. Für die SPD entschied sich der Jurist, weil ihm die Geschichte der Partei im Kampf für Demokratie und soziale Gerechtigkeit imponierte. Vor allem Kurt Schumacher überzeugte ihn.

Bereits 1958 brachte es Vogel zum Stadtrat und Rechtsreferent der Stadt München. Als er 1960 als Oberbürgermeister-Kandidat antrat, musste der gebürtige Göttinger gegen den Ruf ankämpfen, ein Preuße zu sein. Dabei lagen auf Münchner Friedhöfen etliche Verwandte von ihm, darunter ein Benediktiner-Abt von Sankt Bonifaz. „Wenn ein Pferd im Kuhstall zur Welt kommt, ist es immer noch ein Pferd“, verteidigte Vogel seine Herkunft. Mit 34 Jahren wurde er jüngster OB einer europäischen Millionenstadt.

Vogel forderte die Kirche zur selbstbewussten Präsenz in der Öffentlichkeit auf

Gleich zu Beginn eröffnete er den Eucharistischen Weltkongress, das erste internationale Großereignis in Westdeutschland nach dem Krieg. Dabei forderte er die Kirche zur selbstbewussten Präsenz in der Öffentlichkeit auf. Eine konfessionsverbindende, zweite Ehe führte Vogel seit 1972. Es schmerzte ihn, nicht die Kommunion empfangen zu können. Aber er war auf dem Marienplatz, als 2006 Papst Benedikt XVI. München besuchte.

Ein katholischer „Sozi“ war damals nicht selbstverständlich. Sein jüngerer Bruder Bernhard machte Karriere in der CDU als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen. Hans-Jochen holte die Olympischen Sommerspiele 1972 nach München und wechselte im selben Jahr unter Kanzler Willy Brandt (SPD) als Bundesbauminister nach Bonn. Unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) übernahm er von 1974 bis 1981 das Justizressort und erlebte seine schwersten Stunden, als RAF-Terroristen Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführten.

Von 1987 bis 1991 SPD-Parteichef

1982 unterlag Vogel im Kampf um das Kanzleramt Helmut Kohl (CDU), blieb aber SPD-Fraktionschef. Von 1987 bis 1991 war er Parteichef. Drei Jahre später endete seine politische Laufbahn. Dafür engagierte er sich als Gründungsvorsitzender der überparteilichen Initiative „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Seit 2006 lebte der SPD-Politiker mit seiner Frau in einem Seniorenstift in München. Vom Weiterleben nach dem Tod war der Politiker überzeugt. Davor werde es aber wohl noch ein ernstes Gespräch mit dem Herrgott geben, meinte er einmal. Vermutlich wird Vogel auch dann Klartext reden.

Von Barbara Just (KNA)
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