Papst: „Europa, finde zu dir selbst!“

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie hat Papst Franziskus einen eindringlichen Appell zu Solidarität in Europa veröffentlicht. Wir dokumentieren zentrale Passagen des am Dienstag veröffentlichten Schreibens in der offiziellen deutschen Übersetzung:

Das europäische Projekt rührt in der Tat von dem Wunsch her, die Spaltungen der Vergangenheit zu überwinden. Es entspringt dem Bewusstsein, dass wir gemeinsam und geeint stärker sind, dass die Einheit über dem Konflikt steht und dass die Solidarität „zu einer Weise [wird], Geschichte in einem lebendigen Umfeld zu schreiben, wo die Konflikte, die Spannungen und die Gegensätze zu einer vielgestaltigen Einheit führen können, die neues Leben hervorbringt“. In unserer Zeit, in der es „Indizien für einen Rückschritt“ gibt und man die Dinge zunehmend selbstständig tun möchte, ist die Pandemie wie eine Wasserscheide, die uns vor die Wahl stellt: entweder wir gehen den Weg des letzten Jahrzehnts weiter, der von der Versuchung zur Autonomie geprägt war und steuern so auf wachsende Missverständnisse, Gegensätze und Konflikte zu, oder wir entdecken wieder jenen Weg der Geschwisterlichkeit, der zweifellos die Gründerväter des modernen Europa, angefangen bei Robert Schuman selbst, inspiriert und beseelt hat.

Versuchung von Alleingängen

In der europäischen Berichterstattung der letzten Monate wurde all dies durch die Pandemie deutlich sichtbar: sowohl die Versuchung von Alleingängen und unilateralen Lösungen bei Problemen, die über die Grenzen der einzelnen Staaten hinausgehen; aber auch, dank des großen Vermittlungsgeistes, der die europäischen Institutionen kennzeichnet, der Wunsch, mit Überzeugung den Weg der Geschwisterlichkeit zu beschreiten, der auch der Weg der Solidarität ist, indem man Kreativität und neue Initiativen ins Spiel bringt. (…)

Zu Europa möchte ich also sagen: Du, die du im Laufe der Jahrhunderte Ideale geschmiedet hast und nun deinen Schwung zu verlieren scheinst, halte dich nicht damit auf, deine Vergangenheit wie ein Erinnerungsalbum zu betrachten. (…) Europa, finde zu dir selbst! Entdecke deine Ideale wieder, die tiefe Wurzeln haben. Sei du selbst! Fürchte dich nicht vor deiner jahrtausendealten Geschichte, die eher ein Fenster in die Zukunft als eines in die Vergangenheit ist. Hab keine Angst vor deinem Bedürfnis nach Wahrheit, das seit der griechischen Antike die Erde erfasst hat und Licht in die tiefsten Fragen des Menschen brachte; hab keine Angst vor deinem Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das sich aus dem römischen Recht entwickelt hat und im Laufe der Zeit einen Respekt für jeden Menschen und für seine Rechte hervorgebracht hat; hab keine Angst vor deinem Verlangen nach Ewigkeit, das sich, durch die Begegnung mit der jüdisch-christlichen Tradition bereichert, in deinem Erbe an Glauben, Kunst und Kultur widerspiegelt. (…)

Menschenbild und Weltsicht

Welche Vision haben wir also für die Zukunft Europas? Worin besteht sein ureigener Beitrag? In der Welt von heute geht es nicht um die Wiedererlangung einer politischen Vorherrschaft oder einer zentralen geografischen Stellung, und es geht auch nicht darum, innovative Lösungen für wirtschaftliche und soziale Probleme zu entwickeln. Die Originalität Europas liegt vor allem in seinem Menschenbild und in seiner Weltsicht, in seiner Fähigkeit Initiativen zu ergreifen und in seiner praktischen Solidarität.

Ich träume also von einem menschenfreundlichen Europa; von einem Kontinent, in dem die Würde eines jeden respektiert wird, in dem der Mensch an sich einen Wert darstellt und nicht zu einem Gegenstand wirtschaftlichen Kalküls oder zu einer Ware wird; von einem Kontinent, der das Leben zu jedem Zeitpunkt schützt, von dem Moment an, in dem es unsichtbar im Mutterleib entsteht, bis zu seinem natürlichen Ende, denn kein Mensch ist Herr über das Leben, weder über das eigene noch das anderer; von einem Kontinent, der die Arbeit als vorzügliches Mittel sowohl für das persönliche Wachstum als auch für den Aufbau des Gemeinwohls fördert und Beschäftigungsmöglichkeiten vor allem für die Jüngeren schafft. (…)

Teil einer größeren Wirklichkeit

Ich träume von einem Europa, das eine Familie und eine Gemeinschaft ist. Ein Ort, der die besonderen Eigenschaften jedes Menschen und jedes Volkes zu würdigen weiß, ohne zu vergessen, dass sie eine gemeinsame Verantwortung verbindet. (…) Die letzten Jahre, und mehr noch die Pandemie, haben gezeigt, dass niemand es alleine schafft und dass eine gewisse individualistische Auffassung des Lebens und der Gesellschaft nur zu Entmutigung und Einsamkeit führt. Jeder Mensch strebt danach, Teil einer Gemeinschaft zu sein, d.h. Teil einer größeren Wirklichkeit, die ihn übersteigt und seiner Individualität Sinn verleiht. Ein geteiltes Europa, das sich aus einsamen und unabhängigen Einheiten zusammensetzt, wird sich den Herausforderungen der Zukunft kaum stellen können. Ein gemeinschaftliches Europa hingegen, das solidarisch und geschwisterlich ist, wird in der Lage sein, die Unterschiede und den Beitrag jedes Einzelnen fruchtbar zu machen, um die anstehenden Probleme gemeinsam anzugehen, angefangen bei der Pandemie, aber auch bei der ökologischen Herausforderung, die nicht nur den Schutz der natürlichen Ressourcen und die Qualität der Umwelt betrifft, in der wir leben. (…)

Ich träume von einem solidarischen und großzügigen Europa, einem einladenden und gastfreundlichen Ort, wo die Nächstenliebe – welche die höchste christliche Tugend ist – alle Formen von Gleichgültigkeit und Egoismus überwindet. Solidarität ist ein grundlegender Ausdruck jeder Gemeinschaft und verlangt, dass wir füreinander sorgen. Natürlich sprechen wir von einer „intelligenten Solidarität“, die sich nicht darauf beschränkt, nur im Bedarfsfall in grundlegenden Belangen zu helfen. (…)

Offenheit für die Transzendenz

Ich träume von einem gesund säkularen Europa, in dem Gott und Kaiser zwar unterschiedliche aber nicht einander entgegengesetzte Wirklichkeiten bezeichnen; von einem Kontinent, der offen ist für die Transzendenz, in dem die Gläubigen frei sind, ihren Glauben öffentlich zu bekennen und ihren Standpunkt in der Gesellschaft vorzubringen. Die Zeit des Konfessionalismus ist vorbei, aber hoffentlich auch die eines gewissen Säkularismus, der seine Türen für die anderen und vor allem für Gott verschließt, denn es ist evident, dass eine Kultur oder ein politisches System, das die Offenheit für die Transzendenz nicht achtet, auch die menschliche Person nicht angemessen respektiert.

kna
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