Bochum: Nachtgebet nach Schüssen auf die Synagoge

Nach Schüssen auf die Bochumer Synagoge und das benachbarte Planetarium haben evangelische und die katholische Kirche mit einer Nachtwache ein Zeichen gesetzt.

Nach Schüssen auf die Bochumer Synagoge und das benachbarte Planetarium haben evangelische und die katholische Kirche mit einer Nachtwache ein Zeichen gesetzt.

–NR-Foto: Christian Schnaubelt

Nach Schüssen auf die Bochumer Synagoge in der Nacht zu Montag, den 26. April setzten die evangelische und die katholische Kirche in Bochum ein deutliches Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde. Sie organisierten eine Nachtwache in der Nacht zu Samstag, 1. Mai, unter der Überschrift „Bochumer Nachtgebet“.

Menschenkette unter Corona-Bedingungen nicht möglich

„Als ich von den Schüssen in unserer Stadt und auf die Synagoge gehört habe, war ich fassungslos“, sagte Superintendent Gerald Hagmann. „Ob die Schüsse politisch, religiös oder anders motiviert waren, im Fokus stehen die Jüdinnen und Juden: Männer, Frauen und Kinder, die jetzt natürlich beunruhigt und verunsichert sind.“ In dieser Situation sei wichtig zu zeigen, „dass uns unsere jüdischen Geschwister am Herzen liegen und wir als Glaubensgemeinschaften in Bochum füreinander da sind.“ Er sei sehr froh, dass auch Bochums Oberbürgermeister und der Polizeipräsident sofort signalisiert hätten, dass sie trotz der Pandemie die Aktion unterstützen, sagte Hagmann.

Anders als im Jahr 2019 nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle, als 10.000 Bürgerinnen und Bürger auf Initiative der christlichen Kirchen eine Menschenkette um die Bochumer Synagoge bildeten, waren aufgrund der Corona-Pandemie keine Versammlungen möglich. Aus diesem Grund übernahmen Pfarrerinnen und Pfarrer und weitere Hauptamtliche der  evangelischen und katholischen Kirche die Nachtwache von Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenaufgang und dem Gottesdienst der jüdischen Gemeinde am Schabbat.

„Mit dem Nachtgebet stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Geschwister“

Auf die Aufrufe innerhalb der Kirchen meldeten sich in kurzer Zeit 30 Hauptamtliche, die diese Aktion unterstützen wollten. In Zweier-Teams oder allein übernahmen sie jeweils für eine Stunde die Wache. Da sie im Rahmen ihrer Berufsausübung an dem Nachtgebet teilnahmen, konnten sie sich trotz der Ausgangsbeschränkung auch in der Nacht vor der Synagoge aufhalten. Alle Infektionsschutzmaßnahmen wurden eingehalten. Immer zur vollen Stunde hielten die Teilnehmenden an einer entzündeten Kerze ein Nachtgebet für den Frieden.

„Mit dem Nachtgebet stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Geschwister“, erklärte Stadtdechant Michael Kemper. „Wir wachen bei ihnen, wir beten für sie und für unsere Stadt.“ Mit der Nachtwache wolle man auch allen Bochumerinnen und Bochumern signalisieren, es sei wichtig, wach zu bleiben, wenn sich Tendenzen regen, die die Religion oder Demokratie gefährden könnten.

Polizeipräsident: Motive der Schüsse auf Synagoge führen zu Verunsicherung

Oberbürgermeister Thomas Eiskirch und Polizeipräsident Jörg Lukat dankten den Kirchen für ihr Engagement. „Für die Jüdinnen und Juden in unserer Stadt war es ein sehr erschreckender Moment, in dem sich zeigte, wie verletzlich man ist“, sagte Thomas Eiskirch. Jörg Lukat betonte: „Die Motivation hinter den Schüssen ist gar nicht so wichtig, entscheidend ist, dass es zu Verunsicherung kommt. In dieser Situation muss man als Stadtgesellschaft, und dazu zählt auch die Polizei, ein Zeichen setzen.“

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bochum – Herne – Hattingen, Grigory Rabinovich, bedankte sich für die Initiative der evangelischen und katholischen Kirche. „Ich bin erleichtert, dass nur auf Steine geschossen wurde, nicht auf Menschen, sodass niemand zu Schaden gekommen ist.“ Er machte deutlich: „Wir habenden  uns dieses Land und diese Stadt, Bochum ausgesucht, hier ist unsere Heimat.“

Polizei findet kunststoffummantelte Metallkugeln

In der Nacht zu Montag hatte laut Polizei ein Unbekannter vermutlich aus einer Luftdruck- oder Gasdruckwaffe jeweils zwei kunststoffummantelte Metallkugeln auf die Synagoge und das benachbarte Planetarium geschossen. Eine Fensterscheibe im Bereich des Haupteingangs der Synagoge und zwei Scheiben des Planetariums wurden beschädigt. Das Motiv der Tat war vorerst unklar. Der Staatsschutz des Bochumer Polizeipräsidiums ermittelt und bittet um Hinweise.

Laut Polizei sind mittlerweile weitere Hinweise bei der Polizei eingegangen, wodurch die Staatsschutzermittler den Weg des Tatverdächtigen beschreiben können, den er in der Nacht von Sonntag auf Montag vermutlich gegangen ist. Demnach bog der Mann gegen Mitternacht von der Castroper Straße auf den Fußweg zum Planetarium ab, ging dann zu der in der Nähe gelegenen Synagoge und gab jeweils die Schüsse auf die beiden Gebäude ab.

Polizei sucht nach Zeugen

Anschließend begab sich der Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit über den Bochumer Stadtpark zur Klinikstraße. Hier hat er vermutlich erneut mit seiner Waffe geschossen. Zumindest deutet eine auf dem Boden gefunden Stahlkugel darauf hin. Danach muss die Person in Richtung der „Schmechtingwiese“ gegangen sein, die nur mehrere hundert Meter von der Klinikstraße entfernt ist.

Erneut hat der Mann mit der Waffe geschossen, jetzt auf einen geparkten Pkw. Wieder wurden die bereits beschriebenen Stahlkugeln, die einen Durchmesser von knapp 10 Millimeter haben, in der Nähe gefunden. Hier verliert sich die Spur des Schützen, der mit einer grauen Hose sowie einer dunklen Kapuzenjacke bekleidet war. Darunter trug er laut Polizei ein Oberteil mit einem Aufdruck, Adidas-Turnschuhe mit einer hellen Sohle sowie eine dunkle Baseballkappe mit einem hellen Schirm. Darüber hinaus hatte die Person einen schwarzen Rucksack sowie ein dunkelfarbige Bauchtasche dabei.

Der Staatsschutz des Bochumer Polizeipräsidiums bittet unter den Rufnummern 0234 / 909-4505 und 0234 / 909-4441 (Kriminalwache) weiterhin um Zeugenhinweise. Ganz besonders interessiert es die Kriminalbeamten, wo weitere Stahlkugeln dieser Art im Stadtgebiet gefunden worden sind.

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