Psychologin: Familienarbeit wird nicht genug wertgeschätzt

Kinderarzttermine machen oder Sonnencreme für die Familie kaufen: Nach Einschätzung der Berliner Psychologin Patricia Cammarata wird Sorge- und Familienarbeit gesellschaftlich nicht genug wert geschätzt.

Kinderarzttermine machen oder Sonnencreme für die Familie kaufen: Nach Einschätzung der Berliner Psychologin Patricia Cammarata wird Sorge- und Familienarbeit gesellschaftlich nicht genug wert geschätzt. “Unser gesellschaftliches System drückt Fürsorge in den Hintergrund; sie soll still erfolgen und möglichst wenig Zeit und Geld beanspruchen. Erwerbsarbeit ist wichtiger”, erklärte Cammarata der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin.

“Das wird schon allein durch das Konzept des Elterngeldes deutlich, dass nur 65 Prozent des Erwerbsgehalts beträgt: Sorgearbeit ist offensichtlich weniger wert”, fügte die Expertin hinzu. Dabei werde das familiäre Management in den allermeisten Fällen stillschweigend von Frauen erledigt, ohne das es vom Partner wahrgenommen oder wertgeschätzt werde, kritisierte die Psychologin weiter.

“Das liegt im wesentlichen an der gesellschaftlichen Zuschreibung, an den gesellschaftlichen Stereotypen, die wir alle im Kopf haben und nach denen wir erzogen wurden: Den Frauen liegt das, die sind fürsorglich und die Mutter ist sowieso das Beste fürs Kind. Und das bringen wir von klein auf auch unseren Kindern bei”, so Cammarata.

Die ungerechte Verteilung von Alltagsaufgaben habe zur Folge, dass viele Frauen sich überfordert fühlten. Dies sei kein individuelles Problem, sondern trete auf, “weil unsere Gesellschaft so organisiert ist, dass Fürsorgearbeit eine geringe Wertschätzung besitzt. Es ist für viele Frauen ein großes Aha-Erlebnis, wenn sie aus dieser Vereinzelung der Überforderung plötzlich erkennen, dass es ganz vielen genauso geht”, so die Psychologin.

Auch wenn ein Angehöriger pflegebedürftig werde, leisteten zumeist die Frauen die “Denkarbeit” für die Organisation des Alltags. “Auch hier brauchen wir Entlastungsangebote, die möglich machen, dass man Pflege von Angehörigen nicht auch noch unter Zeitdruck machen muss”, forderte Cammarata. “Es ist für unsere Gesellschaft elementar, dass wir uns umeinander kümmern und füreinander sorgen.”

Weiter wies sie daraufhin, dass es “Frauen nicht im Blut liegt, sich um Kinder zu kümmern – und Männern nicht, Geld zu verdienen. Es ist auch nicht so, dass Mütter sich nach der Geburt automatisch besonders gut mit Babys auskennen, sie müssen diese Kompetenzen erst erlernen, genauso wie sie auch ein Mann erlernen kann.”