Zahl der Kirchenaustritte in NRW sprunghaft gestiegen

Die Zahl der Kirchenaustritte in Nordrhein-Westfalen ist sprunghaft gestiegen. 88.150 Menschen verließen im vergangenen Jahr die katholische und evangelische Kirche. Das sind 22 Prozent mehr als 2017, wie das NRW-Justizministerium am Dienstag in Düsseldorf der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte.

(Symbolfoto: Judith Lorenz)

2017 waren laut Ministerium 72.588 Menschen aus den beiden großen Kirchen ausgetreten, 2016 waren es 70.717. Eine Unterscheidung nach Konfessionen nimmt die offizielle Statistik nicht vor. Dem Bistum Münster steht 2018 nach Recherchen der Bistumszeitung „Kirche + Leben“ ein Kirchenaustritts-Rekord bevor. Stichproben von Amtsgerichten und Standesämtern ergäben einen Anstieg der Austritte um mehr als 50 Prozent, meldete die Zeitung bereits in der vergangenen Woche. 2017 waren noch 1,87 Millionen Menschen (44 Prozent) im Bistum Münster katholisch. Rund 8.000 Menschen waren ausgetret

Mögliche Gründe für den Anstieg der Austrittszahlen sieht der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki im Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche. „2018 war ein sehr dunkles Jahr, in dem das Vertrauen in die Kirche schwer erschüttert wurde“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Die Kirche wolle das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen. Dazu gehöre, Fehler der Vergangenheit weiterhin schonungslos und konsequent aufzuarbeiten. „Nur so wird man uns unsere Kernaufgabe, die Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi, wieder glaubhaft abnehmen.“

Missbrauchsskandal als Anlass

Auch die Kontaktperson der NRW-Bistümer zur Landespolitik, Pfarrer Antonius Hamers, hob hervor, dass der Missbrauchsskandal für viele Menschen Anlass gewesen sei zu gehen. Vertrauen könne die Kirche zurückgewinnen, indem sie ihre Präventions- und Interventionsmaßnahmen deutlich mache, sagte der Leiter des Katholischen Büros dem Internetportal domradio.de des Erzbistums Köln. Alle fünf NRW-Bistümer hätten Präventionsbeauftragte; Tausende Haupt- und Ehrenamtliche seien geschult worden. Zudem arbeiteten die Bistümer an einem abgestimmten und transparenten Verfahren, wie im Fall neuer Missbrauchsfälle vorzugehen ist. „Es kann nicht mehr darum gehen, etwas zu vertuschen“, so Hamers.

„Nicht überbewerten“

Unterdessen warnte der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack davor, die Austrittszahlen überzubewerten. Man müsse die Austritte ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Mitglieder setzen, die den Kirchen die Treue hielten, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Mittwoch). Ein Austrittsanteil von etwa 0,8 Prozent im „Krisenjahr“ 2018 sei noch „verwunderlich gering“. Die Verbundenheit vieler Christen und besonders der Katholiken mit ihrer Kirche sei nach wie vor hoch. Angesichts von Ärger und Kritik sei aber von einer „immer höheren Spannung innerhalb des Kirchenvolks“ auszugehen.

Insgesamt verzeichnen die beiden großen Kirchen in Nordrhein-Westfalen laut Statistischem Landesamt rund 11,23 Millionen Mitglieder. Davon sind etwa 6,86 Millionen Menschen katholisch und 4,37 Millionen evangelisch.

kna
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