Psychologe: Grundstimmung „immer gereizter“

Der Kasseler Psychologe Ernst-Dieter Lantermann sieht eine zunehmende Verrohung und Respektlosigkeit in der Gesellschaft. „In verbalen Auseinandersetzungen – nicht nur im Netz – kommt es schneller zu Zuspitzungen, bis hin zu offenen Gewaltandrohungen“, sagte Lantermann in einem Interview der „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) (Online Mittwoch).

(Symbolfoto: pixabay)

„Man kann es fast überall im Alltag beobachten: im Straßenverkehr, im Kino, im Schwimmbad, gegenüber Ärzten, Feuerwehrleuten und Polizisten, gegen jeden, der einem im Wege steht und den man für seine Misere verantwortlich macht“, so Lantermann.

Die Fähigkeit zur Toleranz und zum Kompromiss lasse bei vielen nach. Dieses Phänomen könne noch zunehmen, wenn sich die Verhältnisse in der Welt „noch weiter zuspitzen“. Lantermann: „Wenn Menschen noch stärker um ihre Jobs bangen, Angst vor Verarmung, Umweltkatastrophen oder Krieg haben, wird die Grundstimmung immer gereizter. Und dann neigen Menschen dazu, nur noch an sich selbst zu denken.“

Schuld daran sei auch eine schleichende Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Der Glaube daran, dass es in der Welt gerecht und solidarisch zugeht, ist weitgehend verschwunden und damit auch das Vertrauen in die Politik“, sagte der Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel.

Viele fühlten sich zudem durch den rasanten gesellschaftlichen Wandel verunsichert und überfordert. „In einer komplexer und schneller gewordenen Welt fehlt dem Einzelnen der Überblick. Das geht so lange gut, wie man vertrauen kann. Wenn das aber wegfällt, fehlen uns die Orientierung und jede Sicherheit“, so der Psychologe. „Man wird dann immer misstrauischer und wachsamer und erwartet jeden Augenblick den Einbruch des Schreckens in seine gewohnte Ordnung.“ Es komme zu einem Zustand der Dauererregung und Dauergereiztheit. „Dann bedarf es nur eines winzigen Anlasses, um aus der Haut zu fahren.“

Lantermann warnte auch vor zu viel Schwarzmalerei. „Denn die Klage über die Verrohung der Gesellschaft ist uralt, das gab es schon im Alten Griechenland.“

kna
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