Overbeck: „Als Kirche sind wir der Anwalt der Menschenwürde“

(Foto: Thomas Emons)

Mülheim. Was bleibt, wenn die Kohle 2018 geht? Über diese Frage sprach Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Ovebeck beim Neujahrsempfang, zu dem das vor 60 Jahren gegründete Ruhrbistum in seine Katholische Akademie eingeladen hatte, mit seinen Podiumsgästen. Im Bergbau gelebte Werte wie Solidarität und Verlässlichkeit müssen nach den Worten führender Vertreter aus Wirtschaft und Gewerkschaft auch beim Strukturwandel im Ruhrgebiet bestimmend sein. Wenn der Kohleabbau im Ruhrgebiet in diesem Jahr zu Ende gehe, sollte wertschätzend auf diese Phase geblickt werden, sagte der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, Michael Vassiliadis, am Montagabend in Mülheim an der Ruhr beim Jahresempfang des Ruhrbistums Essen.

Werner Kubny, dessen Dokumentarfilm „Der lange Abschied von der Kohle“ eingangs gezeigt wurde, machte es an einem Erlebnis während der Dreharbeiten deutlich: „Als mir mein Rucksack unter Tage zu schwer wurde, sagte mir einer der Bergleute: „Kannst du nicht mehr. Komm gib her.“ Die von Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck moderierte Diskussion im Angesicht von 500 Zuhörern aus allen gesellschaftlichen Bereichen machte deutlich: Der Begriff Kumpel kommt nicht von ungefähr. In diesem Sinne führte Franz-Josef Overbeck aus: „Als ein im Ruhrgebiet geborenes Kind aus der Landwirtschaft, ist mir der Strukturwandel seit meiner Jugend vertraut. Die Menschen dieser Region sind daran gewöhnt, hart zu arbeiten statt zu jammern. Das müssen wir auch in Zukunft tun und uns dabei auch unbequemen Lösungen nicht verschließen. Wir brauchen jetzt mehr mittelständische Unternehmen im Ruhrgebiet. Als Ruhrbischof trete ich auch nach dem Ende des Kohlebergbaus für die Werte der katholischen Soziallehre ein. Als Kirche sind wir der Anwalt der Menschenwürde.“ Neben dem wirtschaftlichen Strukturwandel nannte Overbeck auch die Integration der Zuwanderer und eine menschenwürdige Medizin als zentrale Aktionsfelder. Mit Blick auf das 60 Jahre alt gewordene Bistum Essen sagte er, die Katholiken müssten sich darauf einstellen, dass Christen nicht mehr die Mehrheit in der Gesellschaft darstellen. Dennoch werde die Kirche sich weiterhin aktiv in die Gesellschaft einbringen.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Ruhrkohle AG, Bernd Tönjes, der auch den Initiativkreis Ruhrgebiet moderiert, bekannte sich zur Tradition: „Zukunft braucht Herkunft!“ Er appellierte aber auch an die Menschen der Region, „den Blick nach vorne zu richten.“ Welches Potenzial das Ruhrgebiet besitzt, machte der RAG-Chef mit einem Zahlenvergleich deutlich: „1957 gab es im Ruhrgebiet 500.000 Bergleute, aber keinen einzigen Studenten. Heute hat das Ruhrgebiet noch 5000 Bergleute, aber 260.000 Studenten. Damals war der Bergbau mit seinen 173 Zechen der größte Arbeitgeber der Region. Heute sind der Gesundheitssektor und die Hochschulen die größten Arbeitgeber. Diese Entwicklung müssen wir bedenken und versuchen auf den 100.000 Hektar Bergbauflächen künftig viele innovative kleine Unternehmen anzusiedeln“

Ebenso, wie Tönjes, stellte auch der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, Michael Wassiliadis klar, dass die in der Montanindustrie des Ruhrgebietes durchgesetzte Mitbestimmung der Mitarbeiter „kein Makel, sondern eine Stärke des Wirtschaftsstandortes Ruhrgebiet“ sei. Nach Ansicht des Gewerkschafters, der auch dem Europäischen Gewerkschaftsbund vorsteht, könnte das sich wirtschaftlich neu strukturierende Ruhrgebiet zur Modellregion für eine erneuerte soziale Marktwirtschaft werden, wenn sich die Menschen der Region auch in Zukunft an den im Bergbau gelebten Werten, wie Solidarität, Vertrauen, Ordnung ohne Unterordnung, Verantwortung und Kooperation orientierten.

Filmemacher Werner Kubny forderte von den politischen und wirtschaftlichen Entscheidern, von denen einige in der Wolfsburg anwesend waren: „Geben Sie Gas. Stellen sie Geld und Räume zur Verfügung, in denen die ehemaligen Bergleute ihre kreativen Fähigkeiten einbringen können. Beziehen Sie diese wunderbaren Menschen auch in ihre Entscheidungszirkel und nutzen sie deren Wissen. Denn wenn es nur bei den üblichen Elitezirkeln bleibt, die über die Zukunft des Ruhrgebietes entscheiden, dann sehe ich schwarz.“

Thomas Emons
Neues Ruhr-Wort

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