Erzbistum: Integrierte Gemeinde hat sich Visitation entzogen

Nach der Distanzierung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. von der Katholischen Integrierten Gemeinde (KIG) gibt es einen neuen Sachstand. Die Visitatoren des Erzbistums München und Freising haben ihre Untersuchung der KIG abgeschlossen. Ihr Bericht liege vor, teilte ein Sprecher des Erzbistums am Montag auf Anfrage mit. „Mögliche Konsequenzen werden geprüft“. Alle Mitglieder der KIG im Erzbistum seien demnach ausgetreten. „Dadurch entzog sich das Gegenüber der Visitation.“

Reinhard Kardinal Marx (Foto: Wolfgang Roucka/Erzbischöfliches Ordinariat München [CC BY-SA 3.0/Wikimedia])

Kirchenrechtlich auflösen könnte den Verein allein der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Die 1948 von dem Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher gegründete Gemeinschaft galt zeitweise als einer der hoffnungsträchtigsten Aufbrüche in der katholischen Kirche. Sie wollte nach eigener Darstellung „ein Ort für ein aufgeklärtes und unverkürztes Christentum“ sein. 1978 wurde sie von den damaligen Erzbischöfen in Paderborn und München – Johannes Degenhardt und Joseph Ratzinger – kirchlich anerkannt und 1985 als öffentlicher Verein nach dem katholischen Kirchenrecht errichtet. Laut Herder Korrespondenz erklärte Benedikt XVI., er sei offensichtlich über manches im Innenleben der Gemeinde „nicht informiert oder gar getäuscht“ worden.

Zwischenbericht der Münchner Visitatoren

Laut einem Zwischenbericht der Münchner Visitatoren, der im Oktober 2019 publik wurde, zeigen Vorwürfe ehemaliger Mitglieder „über weite Strecken den Charakter von geistlichem Missbrauch“ und ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit. „Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien. Die Gemeindeversammlung entschied darüber, ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte oder sollte“, heißt es in dem Bericht.

Das Papier schildert ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit, in dem Widerspruch als Sünde gegen den Heiligen Geist dargestellt, Sanktionen auf Familienangehörige ausgedehnt und private Einkünfte für Gemeindezwecke beansprucht worden seien. In der Herder Korrespondenz erklärt Benedikt XVI., er habe die Gruppierung zu seiner Zeit als Münchner Erzbischof kirchlich anerkannt, weil er sie zur Rechtgläubigkeit habe begleiten wollen. „Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden“, so der frühere Papst. „Ich bedaure es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt.“

Nicht erreichbar

Vertreter der Gemeinde lehnten nach Angaben der „Herder Korrespondenz“ eine Stellungnahme ab. Sie gaben an, man habe beschlossen, „die Aktivität als kirchliche Vereinigung ganz einzustellen“. Die Internetseite der Gemeinschaft ist seit Monaten nicht mehr erreichbar. Der in Neubiberg bei München ansässige „Förderkreis der Katholischen Integrierten Gemeinde“ hat in einem Rundbrief des Vorstands Ende September seine Selbstauflösung angekündigt.

Das Schreiben zitiert eine Mitteilung der Gesamtleitung der KIG zur Visitation. Demnach hätten die Gemeinde „bösartige Verleumdungen“ seit ihren Anfängen begleitet und „trotz kirchlicher Anerkennung nicht nachgelassen“. Ihr sei „die Glaubwürdigkeit in der Kirche geraubt“ worden. „Und anders als noch unter Kardinal Degenhardt und Kardinal Ratzinger/Papst em. Benedikt sprechen kirchliche Stellen kein schützendes, klärendes Wort“. Eine „Gruppe von Personen zwischen 25 und 65 Jahren“ sei dabei, nach einer neuen rechtlichen Form zu suchen. Dieser Prozess werde länger dauern.

kna
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