Aufregung um Tschenstochau-Madonna mit Regenbogenheiligenschein

Polens Parteien streiten um die Kirche.

Für viele Polen ist es eine Provokation: Ein Bild der Gottesmutter von Tschenstochau mit einem Regenbogen als Heiligenschein. Die Regierung verurteilt es scharf und setzt im Europawahlkampf auf die Kirchenkarte.

Poland: Activist arrested and house raided after Amnesty International meeting

Um 6 Uhr morgens klingelte die Polizei in Warschau an der Tür von Elzbieta Podlesna, durchsuchte ihre Wohnung, beschlagnahmte Computer und Handy. Dann wurde sie festgenommen. Erst mittags kam die 51 Jahre alte Aktivistin wieder frei. Polens Innenminister Joachim Brudzinski kündigte parallel auf Twitter die Anklage der Frau – ihren Namen nannte er nicht – wegen der „Schändung des Bildes der Gottesmutter von Tschenstochau“ an. „Kein Gerede von der Freiheit und der Toleranz gibt jemanden das Recht, die Gefühle von gläubigen Menschen zu verletzen“, unterstrich der rechtskonservative Politiker.

Der Europawahlkampf dreht sich in Polen seit Podlesnas vorübergehender Festnahme am Montag nun noch mehr um die katholische Kirche. Die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) präsentiert sich schon länger als Verteidigerin der Gläubigen. Oppositionspolitiker drängen dagegen auf eine stärkere Trennung von Staat und Kirche.

Podlesna wirbt seit vielen Jahren für ein liberales Abtreibungsgesetz und fordert ein Ende der Diskriminierung von Lesben und Schwulen. Ende April soll sie im zentralpolnischen Plock Plakate von der Schwarzen Madonna von Tschenstochau mit einem Regenbogen als Heiligenschein an Mülleimer und mobile Toilettenkabinen geklebt haben. Damit habe sie auf das symbolische Ostergrab in einer dortigen Kirche reagiert. Es war mit dem Spruch „Behüte uns vor dem Feuer des Unglaubens“ versehen. Aufgelistet wurden unter anderem „LGBT“ (Homo-, Bi- und Transsexuelle) und „Gender“.

 

Zum Bild der Gottesmutter mit dem Jesuskind, Polens Nationalikone im Kloster von Tschenstochau, pilgern jedes Jahr vier Millionen Menschen. Abbildungen von ihr hängen in so gut wie jeder katholischen Kirche und an den Wänden vieler Wohnungen in Polen. Der Abt des Wallfahrtsklosters, Pater Marian Waligora, hatte die Plakataktion von Plock umgehend verurteilt. „Die Schändung des Bildes der Gottesmutter von Tschenstochau fügt unseren Herzen großen Schmerz zu“, sagte er bei einer Messe. Er glaube, das fühlten „alle Polen“.

Innenminister Brudzinski betonte nun bei einem Wahlkampfauftritt: „Wir, Katholiken, Christen, können in Polen nicht Bürger zweiter Klasse sein.“ Sie dürften genauso wenig beleidigt werden wie Juden, Muslime und Homosexuelle. Auch der mächtige PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski setzt voll auf das Thema. Die Kirche werde „sehr brutal angegriffen“, beklagte er am Wochenende in einer Rede. Ein Blick in die Geschichte genüge, um zu erkennen, „ohne die Kirche gebe es die historische polnische Nation nicht“. Auch heute noch sei die Kirche der „einzige Bewahrer des Wertesystems“.

Kaczynski spitzte seine Botschaft noch weiter zu: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebt, erhebt seine Hand gegen Polen. Ich bin ein gläubiger Mensch, ein praktizierender Katholik.“ Auch wenn er das nicht wäre, würde er dasselbe sagen: „Die Kirche muss verteidigt werden. Das ist eine patriotische Pflicht.“

Ganz anders tritt der Chef der neuen linksliberalen Partei „Frühling“, Robert Biedron, auf. Es sei ungerecht, dass ein Unternehmer, der eine Autowerkstatt oder einen Friseursalon betreibe, viel mehr Steuern zahlen müsse als ein Pfarrer. Notfalls wolle er Registrierkassen für die Kirche einführen, sagte er dem Magazin „Wporst“. „Die polnische Gesellschaft ist viel antiklerikaler als die Politiker glauben.“

Die Aktivistin Podlesna wies am Dienstag den Vorwurf zurück, sie habe die Religion oder den Glauben attackiert: „Das ist überhaupt kein Angriff. Wie kann jemand mit einem Bild angegriffen werden?“ Unterstützt wird sie von Amnesty International und der Warschauer Helsinki-Stiftung für Menschenrechte. Sie verurteilten die Polizeiaktion gegen die Frau als unverhältnismäßig und verwiesen auf die Kunstfreiheit.

Der Sprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Pawel Rytel-Andrianik, rief zum Respekt für die religiösen Gefühle der Gläubigen auf. An einem Warschauer Frauenkloster seien in der Nacht zu Dienstag Plakate angebracht worden, mit denen die Gottesmutter von Tschenstochau wie in Plock geschändet werde. Das löse „großen Schmerz und Trauer“ aus. Er bat die Gläubigen um Gebete für die Wiedergutmachung der Schändung.

Von Oliver Hinz (KNA)
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