Theologe Striet warnt vor „Religionspopulismus“

Der Freiburger Theologe Magnus Striet hat vor den Versuchungen eines „Religionspopulismus“ gewarnt. Dieser zeige sich etwa dort, wo ein „wahrer Glaube“ als Unterscheidungsmerkmal zwischen Gläubigen propagiert werde, sagte Striet am Montag in einem Vortrag zum Auftakt der Salzburger Hochschulwochen. Auch werde dabei das religiöse Erleben vorrangig vor jeder wissenschaftlichen Erkenntnis oder theologischen Einsicht betrachtet. Ähnlich dem politischen Populismus sei dessen religiöse Ausprägung unfähig zur Selbstkritik, antipluralistisch und letztlich antiintellektuell, so der Professor.

(Symbolfoto: Myriam Zilles auf Pixabay)

Als Beispiele verwies Striet auf eine „Neuevangelisierung“ bis hin zur Lehrverkündigung Papst Johannes Paul II., der auf die Einsprüche etwa eines theologischen Freiheitsdenkens mit dem Beharren auf einer „objektiven Wahrheit des Lehramtes“ reagiert habe. So versuche ein Religionspopulismus durch die Forderung, „einfach nur glauben“ zu müssen, „eine durchsichtige Religionswelt gegen eine immer komplexere und undurchschaubarere Welt außen zu errichten“, so Striet. Dagegen gelte es festzuhalten: „Nur, weil man einfache Antworten bietet, werden die Probleme nicht weniger komplex.“

„Seltsam phrasenhaft“

Die Rede von einer „Neuevangelisierung“ Europas bleibe für ihn „seltsam phrasenhaft“, da sie sich trotz der Nutzung modernster Mittel der Ästhetik und Kommunikation jeder Auseinandersetzung mit modernen wissenschaftlichen und theologischen Erkenntnissen entziehe, so Striet. „Bleibt für Gott da tatsächlich ein Platz? Oder bleibt die Rede von der Neuevangelisierung nur ein rhetorisches Spiel, um zu verschleiern, dass der Kaiser nackt dasteht?“, fragte der Theologe.

Die Salzburger Hochschulwochen 2019 stehen unter dem Thema „Die Komplexität der Welt und die Sehnsucht nach Einfachheit“. Bis Sonntag nehmen Hunderte Studierende und Wissenschaftler an der ältesten deutschsprachigen Sommeruniversität mit Vorträgen, Diskussionen und einem Kulturprogramm teil.

Balance zwischen Komplexität und Einfachhei

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner plädierte zur Eröffnung für eine neue Balance zwischen Komplexität und Einfachheit, zwischen Eigenem und Fremdem, Lokalem und Globalem, zwischen Tradition und Innovation sowie Kontemplation und Aktion. Dabei müsse stets das Bewusstsein herrschen, „dass es einfache Antworten nicht mehr gibt“. Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer betonte, auf „einfache Antworten“ zu setzen, sei der Weg des Populismus. Er würdigte die Salzburger Hochschulwochen als „Fackel“, die dank ihrer langen Geschichte der Wiedererrichtung der Universität Salzburg im Jahr 1962 den Weg geleuchtet habe.

Zuvor hatte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf im Eröffnungsgottesdienst erklärt: „Wenn die globale Welt zu kompliziert wird, hilft scheinbar der Rückzug auf das nationale Interesse“. Und weiter: „Wenn die eigenen religiösen Wurzeln und Traditionen wegbrechen, wird die fremde Religion zum Feindbild erklärt.“ Angesichts der alternden Gesellschaft fühlten sich manche von Fremden und Migranten bedroht, so der langjährige Hochschullehrer. „Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, kann ich mein Gewissen beruhigen, indem ich die Menschen mitverantwortlich mache, die zur Rettung der Ertrinkenden ausfahren“, mahnte Kohlgraf.

Fundamentalistische Vereinfachungen

Mit Blick auf die Kirche betonte der Bischof, „lieblose theologische Debatten, egal um welches Thema sie sich drehen“, führten die Menschen weg von Gott. „Und wie viel Lieblosigkeit und Härte prägen auch unser innerkirchliches Ringen um die Wahrheit“, sagte Kohlgraf. Für das Ringen und Suchen in einer komplexen Welt brauche es die Theologie und den Dialog „mit anderen Weltzugängen“, mit anders- oder nichtglaubenden Menschen.

Ähnlich äußerte sich der Salzburger Theologe Martin Dürnberger: „Klimawandel, Migration, Digitalisierung – nirgends gibt es simple Lösungen.“ Das gelte auch für die Kirche, die vor großen Herausforderungen stehe: „Wie sollen wir uns in dynamischen, veränderlichen Problemlagen orientieren? Wie können wir mit Unübersichtlichkeit und Nicht-Souveränität in offenen, komplexen Prozessen umgehen?“ Davon dürfe man sich ebensowenig lähmen lassen wie in fundamentalistische Vereinfachungen fallen, so Dürnberger, der für das Programm der Hochschulwochen verantwortlich ist.

Die Salzburger Hochschulwochen fanden 1931 zum ersten Mal statt und wurden 1939 von den Nationalsozialisten verboten. Seit 1945 werden sie jedes Jahr während des Sommers abgehalten. Zu den Höhepunkten der diesjährigen Hochschulwochen zählt am Mittwoch die Verleihung des „Theologischen Preises“ an den deutschen Theologen Karl-Josef Kuschel.

kna
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