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Aprilscherze in der Corona-Krise?

Historiker: „Humor ist ein sehr wirksames Medikament“

Google will in diesem Jahr wegen er Corona-Krise auf Aprilscherze verzichten. Doch der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder empfiehlt: Gerade in der Krise ist Lachen angesagt. Der Ursprung der Aprilscherz-Tradition liegt im Dunkeln.

(Foto: pixabay)

Maskenpflicht in Österreichs Supermärkten – leider kein Aprilscherz“, hieß es in den Medien. „Das Angebot bei Bussen und Bahnen wird ab dem 1. April schmaler – leider kein Aprilscherz.“ Schon seit ein paar Tagen macht der Aprilscherz deutschlandweit Karriere. In der Corona-Krise erscheinen Veränderungen des Alltags so skurril, dass man sie früher als „Fake News“ oder Scherz abgetan hätte.

Hirschfelder spricht von Hypermoralisierung

Kann man das noch toppen, wenn am Mittwoch der 1. April auf dem Kalender steht? Oder sind die traditionellen kleinen Schummeleien und Irreführungen nicht sogar geschmacklos in solch kritischen Zeiten? Der Google-Konzern, der die Tradition der Aprilscherze bislang bewusst gepflegt hatte, um sich als lockeres Unternehmen zu präsentieren, will erstmals darauf verzichten – „aus Respekt vor all jenen, die gegen die Covid-19-Pandemie kämpfen“, zitieren US-Medien Marketing-Chefin Lorraine Twohill.

Der Regensburger Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft, Gunther Hirschfelder, bezeichnet das als Hypermoralisierung. „Nie war der Aprilscherz aktueller als heute“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Gerade in Krisen sei Humor ein wirksames Medikament – und dazu nicht verschreibungspflichtig. Andere in den April zu schicken und zu testen, was Mitmenschen bereit sind zu glauben, sei eine gute Strategie zur Bewältigung der Krise. Schließlich habe die Tradition des Aprilscherzes Jahrhunderte mit zahllosen Krisen und Kriegen überlebt.

Starke Veränderung der Scherzkultur

Dabei sieht der Historiker aktuell eine starke Veränderung der Scherzkultur. Mit platter Comedy und zotigen Witzchen werde die Gesellschaft rund um die Uhr überfüttert. „Wir haben den Humor an die Medien delegiert“, sagt er. Das private Verulken sei aus der Mode gekommen. Mit Blick auf die Corona-Krise seien die professionellen Comedians allerdings noch sehr zurückhaltend. In den Sozialen Netzwerken sieht der Kulturwissenschaftler aber eine Zunahme von humorvoller Auseinandersetzung mit der Krankheit.

Für wissenschaftlich bemerkenswert hält der Historiker, wie stark sich die Gesellschaft von der Corona-Krise hat kalt erwischen lassen. „Wegen Rauchens sterben in Deutschland 350 Menschen – täglich“, rechnet er vor. „Da regt sich niemand auf.“ Hirschfelder führt die Angst vor Corona auch auf die Säkularisierung der Gesellschaft zurück: „Wir haben das Gefühl, unser Leben selber in der Hand zu haben, unseren Körper durch Schönheits-OPs und Yoga optimieren zu können“, analysiert er. „Kriege und Seuchen – das alles kannten wir gar nicht.“ Die Corona-Krise zerstöre dieses Lebensgefühl – „und lässt das Lachen im Hals stecken bleiben“.

Brauch vor allem in christlich geprägten Ländern

Gerade deshalb sind Aprilscherze angesagt. Der Brauch ist vor allem in christlich geprägten Ländern und in Indien verbreitet. Wissenschaftlich gesichert ist, dass die Redensart „in den April schicken“ 1618 in Bayern erstmals auftaucht.

Volkskundler sehen mehrere mögliche Ursprünge für die Tradition, die den oft launischen April einleitet: So sollen die Römer am 1. April zu Ehren der Venus rauschende Feste gefeiert haben, derbe Scherze inklusive. Auch das Herumschicken Jesu nach seiner Verhaftung „von Pontius zu Pilatus“ soll am 1. April stattgefunden haben. Der Tag habe frühen Christen auch als der Geburtstag des Judas gegolten, schreibt der Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti.

Pech von Spekulanten

Als besonders plausibel gilt unter Volkskundlern aber die Theorie, dass der 1. April auf das Pech von Spekulanten im Jahr 1530 zurückgeht. Auf dem Reichstag zu Augsburg wollte Kaiser Karl V. während einer Finanzkrise das Münzwesen neu regeln. Zahlreiche Spekulanten investierten daraufhin ihr Erspartes. Als der Münztag dann aber gar nicht wie geplant am 1. April stattfand, verloren sie ihr Geld und wurden zudem noch als Narren ausgelacht.

Eine weitere Erklärung ist laut Hirschfelder eine Kalenderreform in Frankreich Mitte des 16. Jahrhunderts. Karl IX. von Frankreich verlegte demnach 1564 den Jahreswechsel vom 1. April auf den 1. Januar. Damit brachte er nicht nur die Tradition durcheinander, am 1. April Geschenke zu verteilen, sondern narrte auch diejenigen, die aus Unwissen weiter am 1. April Neujahr feierten.

Von Christoph Arens (KNA)
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