Donald Trump, die Bibel und die Christen

Wie sich US-Kirchen im aktuellen Rassismus-Streit positionieren

Viele US-Kirchenführer gehen auf Distanz zu Trump, selbst wenn er die Bibel in die Hand nimmt. Sie wollen sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Und immer mehr Bischöfe solidarisieren sich offen mit Opfern des Rassismus.

Donald Trump (Foto: © Joe Sohm | Dreamstime.com)

Demonstrativ ehrt Mark Seitz das Andenken des Schwarzen George Floyd mit einem gebeugten Knie. Minutenlang kauert der katholische Bischof von El Paso im stillen Gebet auf dem Boden. Und erinnert damit daran, wie der 46-Jährige unter dem Knie eines weißen Polizisten qualvoll starb. In den Händen hält Seitz ein Schild mit „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben sind etwas wert), der inzwischen weltweit verbreiteten Parole der Anti-Rassismus-Demos.

Kurz darauf klingelte bei Seitz das Telefon: Papst Franziskus dankte dem Bischof für die Parteinahme. So stellt er sich offenbar den Umgang der US-Hirten mit den landesweiten Protesten gegen strukturellen Rassismus, Polizeigewalt und soziale Ungerechtigkeit vor.

Der Kniefall steht als Symbol des Aufbruchs, inzwischen selbst in deutschen Bundesliga-Stadien. Etwas ist in Bewegung geraten, das auch mehr und mehr katholische Geistliche aus der Kirche auf die Straße bringt. Neben Seitz reihte sich zum Beispiel der konservative Erzbischof von St. Paul-Minneapolis, Bernard Hebda, in die Protestmärsche ein, die sich seit Floyds Tod am 25. Mai im ganzen Land ausbreiten.

Die beiden Bischöfe stehen stellvertretend für eine neue Form öffentlichen Widerspruchs unter US-Katholiken, der nach der Foto-Aktion Donald Trumps mit einer Bibel vor der historischen St. John’s-Kirche einen neuen Höhepunkt erlebt. Dem wenig bibelfesten Präsidenten wird von allen Seiten vorgeworfen, Religion als Kulisse für seine Politik zu missbrauchen.

„Das ist ekelhaft“, twitterte etwa James Martin vom Jesuiten-Magazin „America“ zu der Aktion, für die Trump unter dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen den Platz von Demonstranten räumen ließ. Um anschließend in einer Art Triumphmarsch zur „Kirche der Präsidenten“ zu ziehen.

Auch der Erzbischof von Washington, Wilton Gregory, distanzierte sich davon und ebenso vom Besuch des Präsidenten am Denkmal von Papst Johannes Paul II. Es sei „verwirrend und verwerflich“, wenn es eine katholische Einrichtung zulasse, auf so „ungeheuerliche Weise missbraucht und manipuliert zu werden“, zürnte der erste schwarze Bischof der einflussreichen Diözese, dessen Worte in der aktuellen Rassismus-Debatte besonders aufmerksam wahrgenommen werden.

Einige Beobachter werten dies gar als möglichen Wendepunkt im Wahlkampf im Hinblick auf die US-Katholiken. Gewissermaßen als Gegenpol zu den Lobeshymnen des New Yorker Kardinals Timothy Dolan bei einer Telefonkonferenz mit Trump und rund 600 katholischen Kirchenführern und Leitern katholischer Bildungseinrichtungen Ende April. Dolan sprach vom „besten Präsidenten für die katholischen Kirche“, lobte dessen Führung in der Corona-Krise und sagte: „Wir brauchen Sie mehr als je zuvor.“

Trump nahm diese Vorlage damals gerne auf und lobte sich selbst dafür, Prioritäten der Kirche umgesetzt zu haben – von Abtreibung über die Verteidigung der Religionsfreiheit bis zur Berufung konservativer Verfassungsrichter.

Bei vielen prominenten US-Katholiken stieß das Verhalten Dolans schon damals unangenehm auf. Die Kirche dürfe keinen Präsidenten unterstützen, der Einwanderer-Familien auseinanderreiße, den Klimawandel leugne und ethnische Gegensätze schüre. Erzbischof Gregory schlug jetzt in dieselbe Kerbe und hielt Trump vor, mit allem, was er sage und tue, Gewalt zu entfachen.

Natürlich gibt es auch Gegenstimmen wie etwa die Trump-nahe Lobbygruppe „Catholic Vote“, die Gregory „einen parteiischen Angriff auf den Präsidenten“ vorwarf. Doch solche Meinungen haben es zunehmend schwer. Auch mit dem Blick darauf, dass mehrere katholische Bischöfe, die verschiedenen Fachausschüssen der Bischofskonferenz vorstehen, in einer gemeinsamen Erklärung Rassismus und Polizeigewalt verurteilten. Floyds Tod habe sie „empört und angewidert“.

Der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz (USCCB), Erzbischof Jose H. Gomez, lobte die aktuellen Anti-Rassismus-Kundgebungen. Sie seien Ausdruck der „berechtigten Frustration und Wut“ vieler Bürger, die „Erniedrigung, Demütigung und ungleiche Chancen nur wegen ihrer Rasse oder Hautfarbe erleben“.

Auch andere US-Kirchen stellten sich hinter die Proteste. Nicht nur bei den Katholiken hat es der Präsident derzeit schwer. Auch in Trumps evangelikaler Kernwählerschaft brodelt es. Der Präsident des Kongresses christlicher Führer, Johnnie Moore, feierte Trumps Bibel-Aktion zwar ebenso wie Robert Jeffress, der Leiter der „First Baptist“-Kirche in Dallas.

Zugleich aber werden die Stimmen der Kritiker unter den Evangelikalen lauter. Sie werfen Trump vor, in der aktuellen Debatte moralisch falsch zu handeln. Statt Worte der Anteilnahme zu finden, verkünde er eine unsensible „Recht und Ordnung“-Botschaft.

Und natürlich versucht auch Katholik Joe Biden, Trumps designierter Herausforderer von den Demokraten, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen. Ob es die Kritik am Bibel-Auftritt ist, ein Zugehen auf die Demonstranten oder ein Treffen mit Angehörigen von George Floyd – Polit-Profi Biden hat derzeit genug Gelegenheiten, sich als „Anti-Trump“ zu profilieren. Doch bis zur Wahl am 3. November sind es noch weit mehr als vier Monate. Und wer weiß, was bis dahin noch alles passiert.

kna
Neues Ruhr-Wort

Kostenfrei
Ansehen