Experte sieht Missbrauchsaufarbeitung der Kirche kritisch

Der scheidende Leiter des Instituts für Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt (IPA) sieht neben erheblichen Fortschritten auch weiter Defizite bei der Aufarbeitung von Missbrauch in der katholischen Kirche. Zwar gebe es endlich eine Regelung für die sogenannten Anerkennungsleistungen für Missbrauchsopfer, sagte Oliver Vogt am Dienstagabend der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Aber ob alle Diözesen und Orden zukünftig einheitlich vorgehen werden, bleibt abzuwarten.“

Mit Blick auf bereits anerkannte Fälle mahnte der IPA-Leiter zu einem sensiblen Umgang mit den Betroffenen. Es sei darauf zu achten, „dass es nicht zu einer erneuten Retraumatisierung durch ein weiteres belastendes Antragsverfahren und im schlimmsten Fall zu einer erneuten Prüfung der Plausibilität kommt“. Die von den Bischöfen in der vergangenen Woche in Fulda beschlossenen Bestimmungen sehen vor, dem Rechnung zu tragen und verlangen keine weitere Prüfung.

Das IPA nahm vor einem Jahr seine Arbeit im rheinland-pfälzischen Lantershofen auf. Die Initiative zu der Einrichtung des Instituts stammte vom Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann. Lantershofen liegt im Gebiet seines Bistums Trier in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das IPA soll Akteure im Kampf gegen Missbrauch vernetzen, bisherige Maßnahmen auf den Prüfstand stellen und nach neuen Ideen etwa im Bereich der Fortbildung Ausschau halten.

Vogt, der die Institutsleitung zum Monatsende abgibt, äußerte sich anlässlich der Gründung des Trägervereins, der den finanziellen Rahmen des IPA absteckt. Die Mittel für das Institut – zunächst zwei Millionen Euro für fünf Jahre – kämen nicht von der Kirche, sondern von einer großen deutschen Familienstiftung, erklärte Bischof Ackermann. Den Namen der Stiftung wollte er nicht nennen. Die neue Struktur solle die Eigenständigkeit des Instituts demonstrieren. Das IPA sei „unabhängig, aber kirchennah“, so Ackermann.

Die Gründung des Trägervereins begrüßte auch der Vertreter der Betroffenen in der IPA-Mitgliederversammlung, Karl Haucke. Ihm sei in der Vergangenheit vorgeworfen worden, sich von der Kirche vereinnahmen zu lassen, erklärte Haucke, der unter anderem Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln ist. „Für meine Arbeit als Betroffenenvertreter brauche ich das Vertrauen der Betroffenen und das braucht das IPA auch.“ Daher müsse sich die Einrichtung verselbstständigen, bevor sie in der Wahrnehmung dem Bistum Trier zugeordnet werde. Die Betroffenen hätten nach wie vor wenig Lobby, da viele Opfer keine Kraft hätten, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Im Kuratorium des Vereins sitzen neben Betroffenen und Bischof Ackermann der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sowie weitere Vertreter aus Kirche, Politik und Wissenschaft wie etwa die Theologin Karlijn Demasure, Leiterin des neu eingerichteten interdisziplinären Zentrums zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Personen an der Saint Paul University im kanadischen Ottawa.

Werbung
Werbung